#Wirsindhier – Gabi Edles Straßenkinder e.V. in Leipzig

#Wir sind hier – Gabi Edlers Straßenkinder e.V. in Leipzig

(c) Sophie Sumburane

Wer wie ich in Leipzig schon einmal durch die Haupteingänge des Hauptbahnhofes gegangen ist, hat sie schon gesehen, diese Gruppe Jugendlicher. Sie stehen an den Seiten der Portale, oft rauchend, sich scheinbar unbeschwert unterhaltend, eine Dose Bier in der Hand. Ihre Kleidung punkig. Die Haare bunt. Jugendliche eben, die sich absetzen wollen, das scheint ihr Äußeres zu sagen. Eine Schutzhülle ist es stattdessen, mehr nicht, denn diese Jugendlichen sind keine aufmüpfigen Rumtreiber, sondern Obdachlose.

Vor den eigenen Eltern geflohene junge Menschen.

Ihre Geschichten sind sich oft ähnlich, aber immer traurig und schockierend. Oft sind es Alkohol- und drogenabhängige Eltern, die den Blick verloren haben, für die eigenen Kinder, ihn vielleicht sogar nie hatten. In Leipzig aber gibt es mindestens eine Frau, die Augen für sie hat, ein offenes Ohr, eine warme Mahlzeit und eine liebevolle Umarmung, die auch ich treffen durfte: Gabi Edler, die pensionierte Straßenbahnfahrerin und Gründerin des „Straßenkinder e.V.“ in Leipzig.

In einem unscheinbaren Eingang in der Rosa-Luxemburg-Straße 38, schräg gegenüber der Haltestelle List-Platz, befindet sich das „Haus Tante E.“. Jeden Morgen ab 11 Uhr steht dort die Tür offen für die unverschuldet in Not geratenen jungen Menschen, die „Tante E.“ nur „ihre Kinder“ nennt. Sie kommen jeden Tag, bekommen vom Straßenkinder e.V. Team ein warmes Essen, manche schmieren sich Brote für die Schule am nächsten Tag oder den Abend. „Es gibt welche, die lassen die Brote hier und kommen dann früh vor der Schule vorbei sie abholen, weil sie Angst haben, zu Hause essen ihre Eltern sie ihnen weg.“ Unvorstellbar für alle, die ein intaktes Elternhaus hatten, traurige Realität für die, die Gabi Edlers Hilfe brauchen. Und noch lange nicht das unglaublichste, was die Rentnerin schon an Geschichten gehört hat. Von Straßenstich und Zwangsprostitution ist die Rede, wenn die Jungen und Mädchen in der Toreinfahrt neben den Vereinsräumen ihrer Tante E. in den Armen liegen. Für diese Kinder, „meine Kinder“ öffnet sie darum jeden Tag aufs Neue die Türen ihres „Haus Tante E.“.

(c) Sophie Sumburane

Hier bin nun auch ich, während sieben junge Menschen im Essensraum sitzen und sich leise unterhalten. Einen Fernseher gibt es hier, drei Computer, ein Bad und ein Wohnzimmer. An den Wänden hängen Karten und Fotos, gebastelte Plakate und Dankesbriefe. Auch Zeitungsartikel und Spendenschecks. Denn das ist der einzige Weg für den Verein sich zu finanzieren, wie Edler mir erzählt: „Alles was wir haben, haben wir gespendet bekommen. Von den vielen tollen Leipzigern.“

Und unter den Spendern finden sich zahlreiche in Leipzig ansässige Firmen und Institutionen. Aber auch Kindergartengruppen, die auf Festen Geld für den Verein sammeln. Doch diese Spendenbereitsschaft musste sich der Straßenkinder e.V. zunächst erarbeiten, das Vertrauen kommt nicht von selbst und bis zu dem Punkt, an dem Gabi Edler heute ist, war es ein langer Weg.

Schon zu DDR-Zeiten, als ich noch Straßenbahnfahrerin war, sind mir die Straßenkinder aufgefallen. Ich wollte ihnen helfen. Nach der Wende schließlich habe ich auf eigene Faust begonnen dafür zu sorgen, dass diese Kinder wenigstens ein mal am Tag ein warmes Essen bekommen.“

Seit diesem Entschluss hat es noch 13 Jahre gedauert, bis sich der Verein „Straßenkinder e.V.“ gegründet hat. Im Jahr 2003 fing Gabi Edler zusammen mit einem Team Ehrenamtlicher an, Spenden zu sammeln. Dabei ging es ihnen nicht ausschließlich um Geld, sondern viel mehr um Lebensmittel, Kleidung und Spielsachen für die Kinder und Jugendlichen. Diese wichtigen Dinge erhält der Verein inzwischen unter anderem von Leipziger Supermärkten in großem Umfang. „Wir bekommen wirklich viel, das ist großartig! Es ist sogar so viel, dass wir drei mal in der Woche verschiedene Kinderheime, offene Wohngruppen und andere bedürftige Einrichtungen damit versorgen können. Ich finde es wunderbar, wie die Leipziger den Verein unterstützen. Im Großen wie im Kleinen!“ Selbst Privatpersonen spenden Tante E. immer wieder gern und mit gutem Gewissen: „Vor Kurzem gab mir jemand in der Stadt 20 Euro, einfach so! ‚Ich kann Ihnen aber jetzt keine Quittung geben.‘, sage ich noch und er antwortet: ‚Ach Tante E., bei Ihnen weiß ich doch, wo das Geld hingeht.‘ Das ist so viel wert, dass es solche Menschen gibt!“ Solche Menschen gibt es jedoch nur, weil es Engagierte wie Gabi Edler sind, die sich das Vertrauen mit ihrem Einsatz verdient haben, denn soviel ist sicher: jeder Cent des Geldes, egal woher er kommt, kommt ausschließlich den Kindern zu Gute. Und weil die Leipziger das wissen, kann Gabi Edler noch viele weitere Spontanspenden Geschichten erzählen: „Letztens bin ich hier vor dem Haus in die Straßenbahn eingestiegen. Kaum waren die Türen geschlossen, stand ein Mann auf und rief: ‚Tante E. ist grade eingestiegen!‘ Ein anderer nahm seine Mütze ab, legte Geld rein und gab sie herum. Beim Aussteigen hatte ich plötzlich eine schöne Spende zusammen.“ Gabi Edler lächelt während sie davon erzählt. Unterbricht sich nur, um eines ihrer Kinder in ihrer speziell robusten Art zurecht zu weisen. „Die Kinder hier benehmen sich perfekt. Sagen Bitte und Danke und räumen auf. Sie kriegen hier die Struktur, die sie zu Hause nicht haben und offenbar vermissen. Manchmal kommen sie auch einfach so vorbei, um mal gedrückt zu werden.“

Die Rentnerin schüttelt immer wieder den Kopf, als könne sie es bis heute selbst noch nicht glauben. „Wie kann man da nicht helfen wollen? Nebenan ist ein Hofdurchgang. Dort kommen die Kinder hin, wenn sie einfach nur reden wollen. Erst vor ein paar Tagen war ein 14-jähriger Junge hier, er war den Tränen nahe und sagte zu mir: ‚Tante E., meine Eltern wollen von mir, dass ich auf den Strich gehe. Sie brauchen Geld.‘ Ist so etwas zu glauben? Da kann auch ich mit meinem Essen nichts dran ändern, alles was ich tun kann, ist ihm das Gefühl zu geben, jemand kümmert sich um ihn.“

Viele der Jugendlichen haben solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht. Prostitution und Kinderstrich sind den meisten wohl bekannt, Gabi Edler versucht, beim Ausstieg zu helfen und zusammen mit den Jugendlichen einen Weg in ein geregeltes Leben zu gehen.

Wichtig ist mir, dass jeder hier zur Schule geht! Ich bin stolz darauf, dass schon sehr viele meiner Kinder eine Ausbildung geschafft haben und heute Arbeit haben. Das ist für mich die beste Bestätigung meines Engagements.“

Immer, wenn ein ehemaliger Schützling das „Haus Tante E.“ besuchen kommt und aus seinem neuen Leben erzählt, schöpfen die anderen Mut daraus.

Die Freude in den Kinderaugen ist nicht mit Geld zu bezahlen. Die Dankbarkeit meiner Kinder hier im Haus ist alles, was ich zum Weitermachen brauche.“ Und die passen auf ihre Tante E. auf, wie auf eine Mutter. Irgendwo ist immer einer von ihnen und sieht sie. „Mir kann hier nichts passieren!“, sagt Gabi Edler und lacht.

(c) Sophie Sumburane

Aus: Stadtgespräche aus Leipzig. Gmeiner, Meßkirch. 2014: Lene Hoffmann und Volly Tanner.

Riad Sattouf: Der Araber von morgen / Eine Graphic Novel

11232898_927089524017193_5391665244180299668_nEine Kindheit im Nahen Osten

Der gebürtige Franzose Riad Sattouf gehört bereits seit Jahren zu den bekanntesten, zeitgenössischen Comic-Künstlern Frankreichs. Er zeichnete 10 Jahre für die Satire Zeitung „Charlie Hebdo“ seine Reihe „Das geheime Leben der Jugend“, wurde 2004 mit „Meine Beschneidung“ ins Deutsche übersetzt und drehte 2009 seinen ersten Spielfilm „Les Beaux Gosses“ („Jungs bleiben Jungs“). Seine Arbeit ist preisgekrönt, voller Witz und Ironie und stets autobiografisch. So auch der erste Teil von „Der Araber von morgen“, einer Graphic Novel, übersetzt von FAZ Redakteur Andreas Platthaus.

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