Die Sächsische Schweiz und die AfD #fckAfD

Gedanken einer Mutter äußerlich nicht deutscher Kinder zum Ergebnis der AfD

Die Sächsische Schweiz

Dass es in Deutschland Orte gibt, an die man nicht geht, wenn man scheinbar kein Deutscher ist, dass wusste ich schon länger. Spätestens, seit damals, als ich im Pizzaladen um die Ecke arbeitete und die dortige Bäckerin rief: „Hey, guckt mal der Schwarze (sie sagte ein anderes Wort) da draußen. Holt den mal rein, ich wollte schon immer einen dressierten Affen, der mir mein Bier bringt.“ Sie fuhr am nächsten Tag in den Urlaub – in die Sächsische Schweiz. Diese Sächsische Schweiz, in der die AfD gestern 35,5% der Stimmen bekam, die, wie vielen bekannt ist, schon lange eine Hochburg der Rechten in Deutschland ist. In diese Sächsische Schweiz fuhr die Rassistin, die für ihren Spruch Gelächter bekam, zusammen mit Freunden in einem auffälligen BMW, der vor Nazi-Symbolik triefend unbehelligt vor unserer Leipziger Haustür parkte.

Die Sächsische Schweiz ist der Ort, wo ich schon damals mit meinem aus Mosambik stammenden Partner und unserer gemeinsamen Tochter wohl nicht in den Urlaub gefahren wäre. Was ich als gar nicht weiter betrauernswert empfand, dass es eben Berge gibt, die ich nur auf Fotos sehen werde. Fotos zum Beispiel von Facebook-Freunden, die romantische Bergpanorama Bilder posten und die Beflaggung an den Häusern der Dörfer unkommentiert wehen lassen. Ebenso, wie ich den Spruch der Pizzabäckerin. Was soll das schon bringen? Die sind halt dumm, lasse reden.

Das war vor fünf Jahren. Wir leben nicht mehr in Leipzig, auch, weil der latente Rassismus uns zu zermürben drohte. Weil wir es nicht mehr hören konnten, wenn Menschen im Zoo sagten: „Schau, da ist einer aus dem Affenhaus abgehauen.“ Weil wir uns nicht mehr zwei Mal überlegen wollten, ob man Abends wirklich noch mal auf die Straße will, ob man wirklich ein sprichwörtliches Fass aufmachen muss, wenn ein Kind aus dem Kindergarten das eigene Kind als „Kaka“ bezeichnet und die Mutter lacht, ob man sich wirklich ärgern will, wenn die Nachbarn tuscheln: „Seit die Schwarze hier wohnt, spielen die Kinder viel lauter.“, ob man sich wirklich als „stinkend“ bezeichnen lassen möchte.

Unter anderem all das haben wir stillschweigend hingenommen, haben unsere Sachen gepackt und sind weg aus Sachsen, wo die AfD gestern stärkste Kraft geworden ist, nach Potsdam, doch die braune Soße ist uns hinterher geflossen.

Zugegeben, es hat gedauert, aber nun gibt es auch hier Orte, an die wir nicht gehen wollen. Menschen, denen wir nicht begegnen wollen. Es gab sie schon immer, einige wenige. Kaum sichtbar, nur für die, die sich ihnen in den Weg stellen, durch Taten oder durch die äußere Erscheinung. Doch nun werden sie mehr und davor habe ich Angst.

Ich möchte meinem Kind nicht erklären müssen, warum die Leute ständig ihre Haare anfassen wollen, warum andere Kinder über sie lachen, nur weil sie da ist, warum man sie im Schwimmunterricht mehrfach fragt, ob sie wirklich schwimmen könne, bevor man sie ins Wasser lässt, warum die Menschen sie immerzu fragen, woher sie kommt.

Ich möchte nicht mit ansehen müssen, wie eine Partei die rote Linie durch ständiges Übertreten immer mehr in die Mitte schiebt, immer ein Stück weiter, immer noch ein bisschen krasser. Ich möchte nicht ertragen müssen, dass Rassismus wieder salonfähig wird.

Ich weiß, dass er es schon längst geworden ist. Ich weiß, dass man als äußerlich Deutscher davon kaum etwas spürt, den Kopf über einen Gauland schüttelt und den Fernseher abstellt, abharkt, weiter macht. Ich weiß aber auch, wozu das führt.

Damals, vor fünf Jahren, nahm ich meine Pizza-Bestellung und trug sie zum Auto, schüttelte den Kopf über den dressierten Affen und versuchte, das zu vergessen. Heute fühle ich mich, als hätte ich meine Familie verraten, weil ich nicht schon damals etwas sagte, etwas tat.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es Orte gibt, an die ich nicht gehen darf. In der ein kleines Kind ein Aggressor ist, ein Ding, das man anfassen und bestaunen kann. Das in den Mathe-Nachhilfeunterricht für Dyskalkulieverdacht geschickt wird, in dem sich sämtliche äußerlich nicht deutsche Kinder der Klassenstufe treffen.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich auf offener Straße gefragt werde, ob sich mein Schwarzer (wieder ein anderes Wort) fröhlich das Visum ervögelt hat und nun in Saus und Braus auf Staatskosten lebt, wenn ich mit meinen Kindern ohne ihn unterwegs bin. Wenn er doch mitkommt, ist er übrigens ein arbeitsloser Schmarotzer, der unsere Deutschen Frauen stiehlt. Als ob Frauen nicht mündig wären selbst zu entscheiden, an wen sie sich binden, aber das macht ein anderes Fass auf.

Ich habe Angst vor der AfD, vor dem Menschenbild, das diese Partei schürt, vor dem Feuer, dass sie legt. Angst, weniger um meinet Willen, als für meine Kinder, die einen Hass zu spüren bekommen, den sie nicht verstehen können. Den ich nicht verstehen will.

Das vergessene Werk der Dichterin – Inge Müller: Ein Lesungsbericht

Mit Blanc14542376_1149929075083213_6091889194237751059_ohe Kommerell aus dem Schatten

Frauen verschwinden – in Küchen, Kinderzimmern und Altenpflege. Und manchmal im Schatten eines übergroßen Mannes. Unsere Gastautorin Sophie Sumburane hat Inge Müller, die „Frau von“ (Sie wissen schon) Heiner Müller entdeckt und möchte Blanche Kommerell bei ihrem unermüdlichen Engagement für die vergessenen Dichterinnen unterstützen. Deshalb darf Ihnen HERLAND heute einen Text zur Lesung im Potsdamer Viktoriagarten von Sophie Sumburane präsentieren:

Zum Artikel

Sophie Sumburane zu #RegrettingMotherhood und unerfüllbare Mutterrollen

sophie-sumburaneWo sind denn deine Kinder?

Es war die Studie einer israelischen Soziologin, die eine Debatte anstieß, die seit einigen Wochen durch Medien, Social Media und sogar das Heute Journal ihre Kreise zieht. 23 Mütter berichteten darin, sie würden es bereuen, Mutter geworden zu sein. Viele andere Mütter offenbaren unter dem Hashtag #RegrettingMotherhood ihre eigenen „Beichten“. Und ich als Mutter? Ich glaube ihnen allen das gern. Sophie Sumburane über überzogene und unerfüllbare Mutterrollen.

Zum Artikel

Ein Bericht von der Lesung „Flucht nach Europa“

Bwnasis_Foto„Wer ist hier der Illegale?“

Im Berliner Literaturhaus Lettrétage fand gestern Abend die Lesung „Flucht nach Europa“ statt, auf der drei eBooks vorgestellt wurden, die dazu einladen, sich mit den Beweggründen und vielfältigen Schicksalen der Flüchtlinge vor Europas Grenzen – und denen, die bereits bei uns sind – auseinanderzusetzen. Sophie Sumburane war für das CULTurMAG vor Ort.

Zum Bericht

Auf E-Tour: Eine Kolumne zum elektrischen Text

Saeed_der-klügste-Mensch-im-FacebookAuf E-Tour (1)

– Neue digitale Originalausgaben, frisch durchgewischt von Sophie Sumburane.

Auf der Suche nach dem nächsten richtig guten Text – nach guter Literatur – durchforste ich regelmäßig die Feuilletons, Blogs und Bestenlisten. Auf so manche Perle bin ich so bereits gestoßen oder gestoßen worden, doch eines fällt mir auch immer wieder auf: Wo sind die E-Book-Originale?

Zur Kolumne im CulturMag