Die Sächsische Schweiz und die AfD #fckAfD

Gedanken einer Mutter äußerlich nicht deutscher Kinder zum Ergebnis der AfD

Die Sächsische Schweiz

Dass es in Deutschland Orte gibt, an die man nicht geht, wenn man scheinbar kein Deutscher ist, dass wusste ich schon länger. Spätestens, seit damals, als ich im Pizzaladen um die Ecke arbeitete und die dortige Bäckerin rief: „Hey, guckt mal der Schwarze (sie sagte ein anderes Wort) da draußen. Holt den mal rein, ich wollte schon immer einen dressierten Affen, der mir mein Bier bringt.“ Sie fuhr am nächsten Tag in den Urlaub – in die Sächsische Schweiz. Diese Sächsische Schweiz, in der die AfD gestern 35,5% der Stimmen bekam, die, wie vielen bekannt ist, schon lange eine Hochburg der Rechten in Deutschland ist. In diese Sächsische Schweiz fuhr die Rassistin, die für ihren Spruch Gelächter bekam, zusammen mit Freunden in einem auffälligen BMW, der vor Nazi-Symbolik triefend unbehelligt vor unserer Leipziger Haustür parkte.

Die Sächsische Schweiz ist der Ort, wo ich schon damals mit meinem aus Mosambik stammenden Partner und unserer gemeinsamen Tochter wohl nicht in den Urlaub gefahren wäre. Was ich als gar nicht weiter betrauernswert empfand, dass es eben Berge gibt, die ich nur auf Fotos sehen werde. Fotos zum Beispiel von Facebook-Freunden, die romantische Bergpanorama Bilder posten und die Beflaggung an den Häusern der Dörfer unkommentiert wehen lassen. Ebenso, wie ich den Spruch der Pizzabäckerin. Was soll das schon bringen? Die sind halt dumm, lasse reden.

Das war vor fünf Jahren. Wir leben nicht mehr in Leipzig, auch, weil der latente Rassismus uns zu zermürben drohte. Weil wir es nicht mehr hören konnten, wenn Menschen im Zoo sagten: „Schau, da ist einer aus dem Affenhaus abgehauen.“ Weil wir uns nicht mehr zwei Mal überlegen wollten, ob man Abends wirklich noch mal auf die Straße will, ob man wirklich ein sprichwörtliches Fass aufmachen muss, wenn ein Kind aus dem Kindergarten das eigene Kind als „Kaka“ bezeichnet und die Mutter lacht, ob man sich wirklich ärgern will, wenn die Nachbarn tuscheln: „Seit die Schwarze hier wohnt, spielen die Kinder viel lauter.“, ob man sich wirklich als „stinkend“ bezeichnen lassen möchte.

Unter anderem all das haben wir stillschweigend hingenommen, haben unsere Sachen gepackt und sind weg aus Sachsen, wo die AfD gestern stärkste Kraft geworden ist, nach Potsdam, doch die braune Soße ist uns hinterher geflossen.

Zugegeben, es hat gedauert, aber nun gibt es auch hier Orte, an die wir nicht gehen wollen. Menschen, denen wir nicht begegnen wollen. Es gab sie schon immer, einige wenige. Kaum sichtbar, nur für die, die sich ihnen in den Weg stellen, durch Taten oder durch die äußere Erscheinung. Doch nun werden sie mehr und davor habe ich Angst.

Ich möchte meinem Kind nicht erklären müssen, warum die Leute ständig ihre Haare anfassen wollen, warum andere Kinder über sie lachen, nur weil sie da ist, warum man sie im Schwimmunterricht mehrfach fragt, ob sie wirklich schwimmen könne, bevor man sie ins Wasser lässt, warum die Menschen sie immerzu fragen, woher sie kommt.

Ich möchte nicht mit ansehen müssen, wie eine Partei die rote Linie durch ständiges Übertreten immer mehr in die Mitte schiebt, immer ein Stück weiter, immer noch ein bisschen krasser. Ich möchte nicht ertragen müssen, dass Rassismus wieder salonfähig wird.

Ich weiß, dass er es schon längst geworden ist. Ich weiß, dass man als äußerlich Deutscher davon kaum etwas spürt, den Kopf über einen Gauland schüttelt und den Fernseher abstellt, abharkt, weiter macht. Ich weiß aber auch, wozu das führt.

Damals, vor fünf Jahren, nahm ich meine Pizza-Bestellung und trug sie zum Auto, schüttelte den Kopf über den dressierten Affen und versuchte, das zu vergessen. Heute fühle ich mich, als hätte ich meine Familie verraten, weil ich nicht schon damals etwas sagte, etwas tat.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es Orte gibt, an die ich nicht gehen darf. In der ein kleines Kind ein Aggressor ist, ein Ding, das man anfassen und bestaunen kann. Das in den Mathe-Nachhilfeunterricht für Dyskalkulieverdacht geschickt wird, in dem sich sämtliche äußerlich nicht deutsche Kinder der Klassenstufe treffen.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich auf offener Straße gefragt werde, ob sich mein Schwarzer (wieder ein anderes Wort) fröhlich das Visum ervögelt hat und nun in Saus und Braus auf Staatskosten lebt, wenn ich mit meinen Kindern ohne ihn unterwegs bin. Wenn er doch mitkommt, ist er übrigens ein arbeitsloser Schmarotzer, der unsere Deutschen Frauen stiehlt. Als ob Frauen nicht mündig wären selbst zu entscheiden, an wen sie sich binden, aber das macht ein anderes Fass auf.

Ich habe Angst vor der AfD, vor dem Menschenbild, das diese Partei schürt, vor dem Feuer, dass sie legt. Angst, weniger um meinet Willen, als für meine Kinder, die einen Hass zu spüren bekommen, den sie nicht verstehen können. Den ich nicht verstehen will.

Das vergessene Werk der Dichterin – Inge Müller: Ein Lesungsbericht

Mit Blanc14542376_1149929075083213_6091889194237751059_ohe Kommerell aus dem Schatten

Frauen verschwinden – in Küchen, Kinderzimmern und Altenpflege. Und manchmal im Schatten eines übergroßen Mannes. Unsere Gastautorin Sophie Sumburane hat Inge Müller, die „Frau von“ (Sie wissen schon) Heiner Müller entdeckt und möchte Blanche Kommerell bei ihrem unermüdlichen Engagement für die vergessenen Dichterinnen unterstützen. Deshalb darf Ihnen HERLAND heute einen Text zur Lesung im Potsdamer Viktoriagarten von Sophie Sumburane präsentieren:

Zum Artikel

Kreativwirtschaft KONKRET – Und davon kannst du leben?

14492516_882560201846141_8485834624984670277_n

Kreativwirtschaft KONKRET – Eine Veranstaltungsreihe im Rechenzentrum

Und davon kannst du leben? Der Wert der Zukunftsbranche: Eine Bestandsaufnahme der Arbeitsverhältnisse in der Kreativwirtschaft

Am 13. Oktober, 19:00 – 22:00 Uhr

Die Teilnahme ist kostenfrei. Um Anmeldung wird gebeten: kkwkonkret@rz-potsdam.de

Die Veranstaltungsreihe Kreativwirtschaft KONKRET zeigt und diskutiert die vielfältige Brandenburger Kultur- und Kreativwirtschaft. Den Auftakt bildet der Themenabend
„Und davon kannst du leben? Der Wert der Zukunftsbranche“ Jörn Morisse wird aus seinem Buch “Wovon lebst du eigentlich?” lesen. Die Talkrunde im Anschluss berichtet aus der Praxis und verhandelt den Wert der künstlerischen Produktion, die Stilisierung der Kreativwirtschaft als Zukunftsbranche und Handlungsspielräume. Gäste sind neben Jörn Morisse, Frau Dr. Seemann, Fachbereichsleiterin Kultur und Museen, Sophie Sumburane, freie Autorin und Kulturredakteurin, sowie Stefan Pietryga, bildender Künstler und Mieter im Rechenzentrum.

Mehr unter www.rz-potsdam.de.

Veranstaltungsort ist der Kosmos im Rechenzentrum, Dortustr. 46, 14467 Potsdam

Eine Veranstaltungsreihe der Stiftung SPI, gefördert mit Mitteln vom Ministerium für Wirtschaft und Energie des Landes Brandenburg, der Landeshauptstadt Potsdam und der Zukunftsagentur Brandenburg

Übersetzung: Carl Nixon „Fish ’n‘ Chip Shop Song und andere Geschichten

carl-nixon-fishn_2401Im März 2013 erschien im Hamburger Culturbooks Verlag Sophie Sumburanes erste Übersetzung! Einige der Geschichten des Neuseeländers Carl Nixon übertrug sie für den Band „Fish ’n‘ Chip Shop Song“ aus dem Englischen ins Deutsche. Weitere Übersetzerinnen waren: Kim Keller und Martina Schmid.

Über das Buch
Klarsichtig, mit einer leichten Melancholie erzählt Carl Nixon von verlorenen Söhnen und Vätern, von gefundener Liebe, die so wechselhaft ist wie das Wetter, vom Blick zurück im Angesicht des Todes. Er beschreibt Außenseiter aus der Mitte des Lebens und Emotionen, die tief unter der Oberfläche verborgen sind. Nixon trifft einen Ton, so schmerzlich und wunderbar und existentiell wie die weiten, atemberaubenden Landschaften Neuseelands. Nach drei grandiosen Romanen liegen nun endlich auch Nixons Erzählungen in deutscher Sprache vor.   (Quelle: CulturBooks)

Hier geht es zum Buch.

Digitale Originalausgabe. CulturBooks Album, März 2016. 215 Seiten. 8,99 Euro. ISBN 978-3-95988-037-4

Kurzprosa – Diskonacht

Direkt vor mir liegt eine Dose. Eine Bierdose. Hier am Straßenrand. Sie ist grün, unter dem Schriftzug zerdrückt, sodass man die Biermarke kaum mehr erkennt, doch nicht stark genug, dass sie die Form der Dose verloren hätte. Erst zerdrückt, von einer Hand, nur flüchtig, dann weggeworfen. Nun liegt sie auf einem Pflasterstein, mit der Öffnung über den Bordstein auf die Straße ragend. Ein letzter Tropfen trocknet in den Asphalt. Im Rinnstein daneben ein Schuh. Ein Sportschuh. Auf die Seite gekippt, die Sohle zu mir, eine weiße Sohle. Kaum mit Straßendreck beschmutzt, das charakteristische Profil sichtbar wie neu. Ein fast neuer Schuh und eine Dose.
Ich bleibe stehen.
Ich stelle mir vor, wie ein junger Mann mit nur einem Schuh in einer Tankstelle an der Kasse steht und eine weitere Dose kauft. Wie er in seinem Portemonnaie nach übrig gebliebenen Münzen sucht, mit vom Inhalt der ersten Dose verschleiertem Blick, während die Verkäuferin wartet und versucht, den Bierdunst nicht einzuatmen. Wie sie überlegt, warum der Typ nur einen Schuh trägt, wie ein Obdachloser sieht er gar nicht aus, mit seinem Hemd, das über der verwaschenen Hose hängt. Fabrikverwaschen mit aufgenähten Rissen, urbanschick. Ganz klar auch dabei: Ein Schlüsselbund in der Tasche, verbunden mit dem Portemonnaie in der Hand durch etwas, das
eine Fahrradkette zu sein scheint. Aber flexibler ist und wohl normalerweise an der Hose hängt?
So wie der schwankt liegt der Schuh sicher irgendwo da, wo der herkommt. Vielleicht musste er rennen, schnell raus aus der Wohnung der Geliebten, als der Mann nach Hause kam. Da bleibt so ein Schuh schnell mal liegen, denkt sie und nimmt jetzt die Münzen entgegen. Der Mann mit nur einem Schuh schwankt schon zum Ausgang, ja, er sieht zufrieden aus in seinem Biernebel, tolle Nacht gehabt, scheiß doch auf den Schuh, irgendwo kracht gerade eine Männerhand in ein Frauengesicht, weil sie den einzelnen Sportschuh im Flur
nicht erklären konnte, was kümmert es ihn. Also was kümmert es sie wo sein Schuh ist, welche Frau diesen Ausdruck auf sein Gesicht gevögelt hat, wo der hingeht, ihr doch egal, da kommt schon der nächste, den kennt sie, der will Kaffee.
Er hat aschblonde Haare, perfekter Kontrast zum rot blauen Hemd. Die Frisur, vom Gel verklebt, aus der Position gerutscht, gewollt, noir-style. Mit Bart natürlich auch und Sportschuhen. Wie der hier, im Rinnstein. Neu sieht er aus, mit der weißen Sohle. Oder frisch und gründlich geputzt, das lässt sich nicht sagen. Doch das Profil der Sohle ist nur so wenig abgetreten, also wohl doch neu. Ein Schuh, den sicher niemand verlieren wollte. Der aschblonde Besitzer hat es vielleicht noch gar nicht gemerkt, vielleicht wollte er nur die Dose wegwerfen, verlor dabei den Schuh, er war sicher betrunken. Aber er war nicht allein, da bin ich sicher.
Drei Personen gehören zu diesem Schuh und der Dose. Zwei Männer, eine Frau. Sie kommen aus irgendeinem Club. Lachen. Reden. Kennen sich erst seit eben. Diese Stadt ist voll von Clubs und Bars, vielleicht ist der, dem dieser Schuh gehört schon wieder dort, in einem der Clubs, war nur auf dem Weg von einem in den anderen, tanzt jetzt mit nur einem Schuh auf klebrigem Boden. Eine weiße Sportsocke auf einem Boden, auf den Bier geschüttet wurde. Und Schnaps und Spucke, Zigarettenasche. Es stört ihn nicht, das Mädel dort drüben sieht es nicht, sie lächeln sich an. Warum nicht auch zwei an einem Abend, denkt der Blonde mit nur einem Schuh durch seinen Nebel im Kopf, ich schaffe auch zwei in einer Nacht, obwohl schon Morgen ist, im Berghain ist das egal. Wo ist eigentlich sein Kumpel? Egal. Dieses Lächeln, der Ausschnitt, dunkel erinnert er sich an Brüste, die er erst vor Kurzem in einem anderen Ausschnitt gesehen hat.
Er schaut sie an und sieht sie schon nackt. Auf sich sitzend, die Hände seines Freundes greifen ihre Brüste von hinten. Er kann es schon fühlen, sieht sie an, wähhrend sie auf dem Bordstein balancierend lacht, die gleiche grüne Dose in der Hand.
Hundertfach passiert das jeden Samstag früh, die gehen ins Bett, er ist schon wach, man beachtet sich nicht, niemand beachtet die drei, niemand stört sich daran, dass zwei Männer die Hände auf dem Po der gleichen Frau haben. Sie genießt das Umworben werden, lässt die Berührungen zu, trinkt ihre eigene Dose leer und wirft sie weg, irgendwo dort hinten, kommt trotzdem langsam wieder runter. An der frischen Luft verliert der Alkohol seine Wirkung, wird die Erinnerung an ihre tanzenden Körper schwächer. Seine Hand auf ihrem Rücken, unter dem Shirt, sie spürt ihn ganz nah. Er drückt sich an sie, sein Körper bewegt sich mit der Musik, die Zunge in ihrem Mund wühlt, sie findet ihn geil. Lässt sich bewegen, will ihre Finger überall zur gleichen Zeit seine Haut erfühlen lassen, zwischen all den Menschen fällt das nicht auf, sie sieht nur noch ihn. Dann sind sie zu dritt, sie stimmt allem zu.
Sie sieht plötzlich klar was sie macht, mit zwei Männern aus dem Club. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung, in der Morgendämmerung und weiß, was die wollen. Sie wusste es vorhin schon, doch erst jetzt erfasst sie die Bedeutung, was sie erwarten, wollen, was sie bis eben noch wollte, vorher noch nie gewollt hat. Sie sehen sie an, noch der gleiche Blick, weitergehen. Näherkommen. Sie bleibt stehen. Geht weiter, zur Seite, zum Bordstein, weiß nicht was das soll, tut es trotzdem.
Auf dem Bordstein balancierend, kichernd stellt sie ihre Kindlichkeit zur Schau, konterkariert vom Minirock, dessen sie sich plötzlich schämt. Sie lachen kurz auf, was der Alkohol mit uns macht! Der mit den Sportschuhen reicht ihr seinen Arm, sie hakt sich ein. Wieder eingerahmt. Mit der
anderen Hand fährt sie sich durch die Haare, viel zu oft, immer wieder, dreht eine Strähne auf, lässt sie fallen, sie kann nicht aufhören. Nur noch ein paar Meter, die Wohnungstür sieht sie schon und bleibt wieder stehen, lächelt. Entzieht sich den Händen der beiden und fingert nach ihrer Tasche.

„Ich will doch keinen Dreier.“, sagt sie plötzlich. Die beiden sehen sich an, fangen an zu diskutieren, als hätten sie das erwartet, als sei es ihnen
schon oft passiert: Das letzte Mal durftest du!, ruft der eine, was kann ich für die Vorlieben der Frauen, sagt der andere. Sie denkt weiter, immer mehr klar. Nur den mit den Sportschuhen will sie, der andere soll gehen. Außerdem lässt
der Alkohol nach, ihr wird etwas schlecht durch die frische Luft, sie will nur einen, oder vielleicht doch keinen, was hat sie sich nur gedacht? Jetzt holt sie ihren Schlüssel aus der Tasche, sagt: Danke fürs nach Hause bringen, man sieht sich, tschüss, während die beiden noch streiten, jetzt stutzen sie, sehen sie an: Was?
Ja, lasst uns das mal verschieben.
Was?
Ich wohn hier. Ich geh jetzt rein. Muss schlafen, morgen aufstehen und so, bisschen schlecht ist mir auch, sagt sie. Einen Finger noch immer in den Haaren. Mit drei schnellen Schritten ist sie an der Tür. Die Müdigkeit überrollt sie jetzt fast, in ihren Ohren piept der Tinitus der House Musik. Die Augen zusammen gekniffen, drückt sie die Haustür auf, der Schlüssel fällt in ihre winzige schwarze Handtasche, ein in Riemchenhigh-heel steckender Fuß steht schon im Hausflur, als der mit den Sportschuhen ihren nackten Arm packt.
Das kannst doch jetzt nicht machen. Die Augen rot, schauen
sie sie an, viel zu besoffen für irgendwas ist der, denkt
sie und bleibt ganz ruhig. Zieht mit der freien Hand an
ihrem Rock, als könnte er länger werden, immer wieder und
hält das Lächeln aufrecht.
Genau, sagt jetzt der andere, der dunkelhaarig ist, einen drei-Tage-Bart hat und Lederjacke trägt. Es ist überhaupt das Erste, was sie ihn zu ihr sagen hört, seine Stimme ist belegt von Rauch und Suff. Er kommt einen Schritt näher, hat seine Hand jetzt wieder auf ihrem Po, sie kann seinen Atem riechen, es riecht wie vorhin an der Bar.
Kannste doch nicht bringen. Sein Blick ist fester, die Hand massiert den Stoff ihres Rocks. Hast uns hier hergelockt und lässt uns jetzt stehen? Gehts noch?Seine Hand ist schon unter dem Stoff, sie will weg, doch der mit den Sportschuhen hält sie zu fest, sie sieht jetzt ganz klar, keine Müdigkeit, Übelkeit, kein Alkohol stören ihre Gedanken, sie weiß, sie muss Angst haben. Stattdessen sagt sie: Lass mich los, du Bonzen. Sonst siehst du meinen Hintern echt nie mehr. Ich geb dir meine Nummer, okay? Für später?
Scheiß auf deine Nummer, ich will doch nicht deine Nummer!, ruft der mit den Sportschuhen jetzt, seine Hand schließt sich fester um ihren Arm. Ihr fällt auf, dass sie nicht mal ihre Namen kennt, sie will sagen: Lass mich bitte
los, Name, doch sie hat keinen Namen, das lähmt sie plötzlich. Einer drückt sie in den Hausflur, die Tür fällt zu, die morgendlichen Geräusche, ausgesperrt. Eingesperrt ist sie. Die belegte Stimme spricht: Du hast mir deinen Hintern versprochen.
Dir habe ich gar nichts versprochen.
Ich mag das, wenn die Mädels sauer werden.
Sie will rückwärts gehen, ihr Arm schmerzt in seinem festen Griff, der sie an eine der Wände drückt. Sie registriert, welche Wand, weiß genau, an welcher Stelle ihres zu Hauses sie gerade steht, ist hunderte Male hier vorbei gelaufen, unbeschwert, allein, sie kennt sich hier aus, sie ist hier
zu Hause, sie kommt weg von ihnen, denkt sie.
Seine Zunge wühlt wieder in ihrem Mund. Sie spürt jetzt, dass es ein Wühlen ist, kein Küssen. Sagt: Nein, unhörbar. Nein, verschluckt. Sie spürt, wie ihr Rock mit einem Ruck auf dem Boden landet.

Du kannst uns nicht hier her locken, und dann wegschicken. Das kannst du nicht machen, sagt jetzt der mit den Sportschuhen. Guck, was du gemacht hast. Also fass ihn auch an, na komm schon.
Sie rührt sich nicht, hält die Augen geschlossen, soll sie schreien? Sie wird schreien, jemand wird sie finden, vorbei kommen.
Später, als er die Hose wieder zu macht, lächelt er sie an.
War gut?, sagt er und greift nach ihrer Tasche. Ein Taschentuch aus ihrer Tasche wandert jetzt in die Hand des Dunkelhaarigen. Er wischt sich Spermareste vom Schwanz, lässt alles auf sie fallen: Kannste morgen deinen Mädels erzählen, sowas geiles haben die bestimmt noch nie erlebt.
Die Hose zu, es ist vorbei. Der mit den Sportschuhen bückt sich, sie streckt eine Hand nach ihm aus, er greift nach seiner Dose, die Tür geht auf. Weg. Sie rennen. Sie lachen.
Was denkt die sich denn? Sie liegt.
Er verliert in der Hast einen Schuh, schmeißt die Bierdose weg, sie sind weg.
Das Mädchen steht auf, wischt mit dem Taschentuch ohne hinzusehen irgendwas Feuchtes von den Innenseiten ihrer Schenkel und starrt auf die Stelle, an der sie eben noch lag. Diese Stelle. Hier wird sie noch weitere hunderte Male vorbei kommen, genau hier, jeden Tag. Jeden Tag treten Mieter hier hin, genau auf diese Stelle. Ich muss duschen, dringend, denkt sie und kann nicht mehr weinen.
Ach was, denke ich jetzt und betrachte die Haustür. Sowas passiert doch nicht!, sage ich vor mir her. Der Schuh und die Dose, bestimmt hat sie einfach
jemand hier verloren, auf dem getorkelten Heimweg. Dieser Jemand, der jetzt im Berghain tanzt, eine Minderjährige anlächelt und sich dunkel an Brüste erinnert, hat ganz bestimmt noch nichts gemerkt, vom Verlust seines
Sportschuhs. Ich hebe beides auf, die Dose fliegt in den Mülleimer an der Bushaltestelle, den Schuh stelle ich darauf, vielleicht kommt der zurück, dem er gehört und freut sich. Über seinen verlorenen Schuh, nach einer gelungenen Diskonacht.

Kurzprosa aus Mosambik

Ich bin satt

Und ich weiß nicht mehr, was gestern war. Flüchtig der Moment, immer gleich die Tage, gestern ist morgen, heute jedenfalls sitze ich hier. Vor mir das städtische Leben, hinter mir Natur, Bougainvillea in unnatürlich leuchtenden Farben. Ich in der Peripherie von Beidem, gehöre weder hierhin noch dorthin. Auf den Stufen der Treppe zum Stadtpark, im Schatten einer Pappel, sitze ich, lasse mir den vom nahen Meer salzschwangeren Wind um den Körper wehen und esse Hühnchen mit Fritten und Essig. Beiläufig fast drehe und wende ich das Stück in meinem Mund. Ein Geschmack, vertraut wie der Geruch der Haare einer Mutter. Wie gestern, wie morgen. Ich nehme ihn in mir auf und schluckte, der nächste Bissen, dann bin ich satt. Vorerst, der Hunger kam wieder so sicher wie die Flut, doch die Reste aufheben? Wofür, steht dort doch direkt ein Papierkorb.

Wofür, gibt es doch an jeder Ecke eine Imbissbude, Sandwichläden, Marktfrauen mit frischem Gemüse.

Wofür den halben Tag Essen mit mir herumtragen. Schwerfällig stehe ich auf, die müden Knochen tragen mich, ich lasse die Styroporverpackung über dem Mülleimer aus Stein aus meiner Hand gleiten, höre das dumpfe Aufschlagen und tue den Schritt aus der Peripherie, zurück in die Stadt, das normale, alltägliche, immer wiederkehrende. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Mann, der nicht mehr als ein zerrissenes T-Shirt am Körper trägt, auf den Papierkorb zugehen, Müll essen, Müllesser, einer von Tausenden in Maputo, dieser Stadt am Meer, in der Träume auf Palmen wachsen, für einen allein unerreichbar hoch.

Ich jetzt, ein Teil dieser Stadt, bin ich auf die Palme gekommen? Kenne ich jemanden mit einer Leiter? Es scheint so, ich erinnere mich nicht, lebe erst seit eben, bin satt, das heißt privilegiert, nicht weil ich satt bin, sondern weil nur Privilegierte satt sind.

Die Menschen ziehen an mir vorbei, schlurfen über den Bürgersteig, manche schneller, manche langsamer, werde ich überholt oder überholte ich. Sie geht zur Arbeit, er hat Pause, das Kind ist auf dem Weg in die Schule, die Alte zum Markt. Der Bürgerkriegsveteran sitzt wie jeden Tag auf dem Bordstein, sein eines verbliebenes Bein angewinkelt vor dem Körper, vor und zurück wippend, die Hand ausgestreckt auf ein paar Münzen hoffend, die ihm doch niemand gibt. Die wenigen Touristen vielleicht, Gewissensberuhigung. Plötzlich zieht er verärgert seinen Beinstumpf weg, jemand war so an ihm vorbei gegangen, dass er ans Bein getreten wäre, wäre es noch da, der Veteran fühlt einen Phantomärger. Sorgt sich um etwas, das er vor so langer Zeit verloren hat.

Und ich mittendrin, irgendetwas daran ist falsch, ich kam nicht drauf, es war mir egal, ich bin satt und erinnere mich nicht mehr was gestern war.

Und vielleicht habe ich auch das Wichtigste auf halbem Weg verloren? Wer kann das schon wissen, ich sicher nicht. Woher soll ich wissen, was mir fehlt, wenn ich nicht weiß, was ich haben könnte? Doch hätte ich es verloren, wüsste ich um dessen Existenz, müsste es vermissen, ich vermisse nichts, habe noch beide Beine, gehe damit auf diese Palme zu in die Sonne, immer in die Sonne. Sie brennt gnadenlos auf uns alle herab. Ein Stück Hölle am Himmel. Genau das ist sie, die Sonne, die Hölle, in ihrer zerstörerischen Kraft. Nicht Gott schaut auf uns hinab, sondern der Teufel und lacht und lacht, wie wir uns abmühen, jeden Tag.

Eine verschwitzte Schulter rempelt mich an, teilnahmsloser Blick, der Hitze alle Kraft ausgeliefert, taumelt der Körper kurz, fängt sich, geht weiter, unbeachtend. Ich bleibe stehen, streiche mein Hemd glatt, ein Hemd ohne Schweißflecken ist kein mosambikanisches Hemd, es ist ein europäisches Hemd, oder ein amerikanisches, ganz gleich, wo es genäht worden ist, doch immerhin, meines war sauber und ganz. Am Straßenrand sah ich nun die Tonne, ich erinnere mich an die Tonne, den Geruch, die Tatsache, dass Menschen Essen dort hinein warfen. Ich sehe zwei Männer an der Tonne, der Eine bildet eine Trittfläche mit seinen Händen, der andere steht mit einem Fuß darin, mit dem anderen in der Tonne und sucht. Vielleicht riecht es so, wenn ein menschlicher Körper in der Sonne verwest, vielleicht sind es auch nur Möwenkadaver oder Tage alte gegrillte Hähnchen, ich beschleunige meinen Schritt. Raus aus der Wolke, weg von der Tonne.

Endlich, der Strand, die Costa del Sol, das Meer, gereinigte Luft, geruchsneutral. Ich setze mich in den Sand, vergrabe die Finger bis zur kühleren Schicht und lege den Kopf in den Nacken. Wieder zurück in der Peripherie genieße ich den Schatten der Palme hinter mir, greife immer wieder mit den Fingern den kühlen Sand und höre das Meer. Winzige windstill Wellen plätschern auf den feuchten Sand, tragen Muscheln und Steinchen mit sich, spülen ihr Hab und Gut erst hier hin, dann dort hin, ziehen es immer wieder mit sich zurück ins Meer. Ein ewiger Tanz, er schleift die Steine glatt, poliert die Muscheln, funktioniert, bis ein Mensch kommt und den Wellen ihr Hab und Gut wegsammelt. Kinder, sie schmeißen die Steine meist direkt zurück, erfreuen sich am Plumps, versuchen flach abgeschliffene Steine hopsen zu lassen, zählen mit, machen einen Wettkampf draus, erfüllen den Strand mit Sorglosgelächter und zerstören den Kreislauf nicht. Ein Mann, eine Frau, sie sammeln die Muscheln in ein buntbedrucktes Tuch, dessen Enden sie um ihre Hüften geschlungen haben, zu einem kleinen Beutel vor dem Bauch geformt, fasst so ein Tuch sehr viele Muscheln und Steinchen, entziehen sie dem Meer, beenden den Kreislauf, ich kann nicht mehr hinsehen, schließe die Augen und lege den Kopf zurück in den Nacken. Kinderlachen, leises Reden, alles eingehüllt vom melodischen Rauschen des Meeres, es schwillt an, zu einem Ruf, vielen Rufen, Motoren, Straßenlärm, Stadtlärm, wo ist das Meer?

Ich krümme die Finger, will den Sand zwischen ihnen spüren, doch schabe über Beton. Nackten Beton. Plötzlich die Wolke, ich öffne die Augen, mein Gesicht ruht auf Beton, mein Körper, Arme, Beine, ich. Füße, Beine, Menschen, die auf mich zukommen, um mich herumgehen, über mich steigen, von mir weggehen, als sei ich ein achtlos weggeworfenes Etwas. Ein verlorengegangenes Dings, an das sich der einstige Besitzer nicht mehr erinnert, das nicht fehlt, niemandem fehlt.

Beim Aufsetzen spüre ich meinen Körper, vor mir erhebt sich die Tonne, mein Mittagsschlaf unter der Pappel hatte mir den immer gleichen Traum gebracht.

Komm schon Luis, der Ruf des Mannes, den ich jetzt erkenne, der vor der Tonne steht, mit seinen Händen eine Trittfläche bildet. Sein T-Shirt weht um sein Skelett, mein T-Shirt weht um mein Skelett. Leck mich, Gustavo, antworte ich. Das Metall der Tonne brennt unter meinen Fingern, der Müll vor mir brennt seinen Geruch in meine Nase, ich stehe mit einem Fuß auf einer Ausgabe der Notícias von gestern. Genau auf dem Titelbild, das unseren Präsidenten zeigt, einen dicken Mann, auf einer teuren Chouch. In einem armen Land.

Riad Sattouf: Der Araber von morgen / Eine Graphic Novel

11232898_927089524017193_5391665244180299668_nEine Kindheit im Nahen Osten

Der gebürtige Franzose Riad Sattouf gehört bereits seit Jahren zu den bekanntesten, zeitgenössischen Comic-Künstlern Frankreichs. Er zeichnete 10 Jahre für die Satire Zeitung „Charlie Hebdo“ seine Reihe „Das geheime Leben der Jugend“, wurde 2004 mit „Meine Beschneidung“ ins Deutsche übersetzt und drehte 2009 seinen ersten Spielfilm „Les Beaux Gosses“ („Jungs bleiben Jungs“). Seine Arbeit ist preisgekrönt, voller Witz und Ironie und stets autobiografisch. So auch der erste Teil von „Der Araber von morgen“, einer Graphic Novel, übersetzt von FAZ Redakteur Andreas Platthaus.

Zur Rezension