Danke für euren Hass

Danke für euren Hass

Selber Schuld wenn man mit Schwarzen bumst.“, schrieb mir ein Kommentator auf meiner Homepage, der sich Hidolf Atler nennt. Er (oder vielleicht auch sie) verfasste diese Zeile als Reaktion auf meinen Text zum Wahlergebnis der AfD. Als einer der ersten erschien er unter dem Artikel, ich habe ihn gelöscht und abgehakt. Einzelfall. Und mich somit entgegen meiner eigenen Worte erneut in die Defensive begeben. Weggucken. Nur die guten, mutmachenden Kommentare sehen und über den Hass hinweglesen.

Doch diese Defensive hielt nur einen Tag, bis zur nächsten Nacht, als ER mir schrieb: der Mann ohne Namen, dessen IP-Adresse mir verriet, dass er in Leipzig sitzt. Und wäre das nicht ein Stück weit Realsatire gewesen, hätte ich wahrscheinlich Angst bekommen, denn er verlinkte auf allerlei rassistische Homepages und versicherte mir, ich hätte Rassenschande begangen. Rassenschande. Wo haben wir dieses Wort das letzte Mal gehört?

Ich finde, es ist ein weiter gedanklicher Weg von „mit Schwarzen bumsen“ zu „Rassenschande begehen“. Doch auf meiner Homepage hat er nur einen Tag gedauert.

Sowieso ist die Kommentarspalte ein ziemlich genaues Abbild unserer Gesellschaft geworden: 87% tolerante Menschen, ca. 10% „gemeines AfD Bashing wir sind gar nicht alles Nazis“ und 3% krasse Nazi-Sprache, die am meisten Aufsehen erregte.

Und ich kann diesen 13% anonymen Kommentierern nur danken. Danke!

Danke für euren Hass und eure Selbstentblößung, danke, dass ihr allen gezeigt habt, wie wahr meine Worte sind, wie real der Hass, wie real meine Angst, wie real die Omnipräsenz rassistischer Kommentare, seien sie noch so vereinzelt.

Also holte ich den einst gelöschten Kommentar aus dem virtuellen Papierkorb, schaltete auch die Rassenschande frei und überließ euch eurem Hass auf mich. Einen Menschen, den ihr nicht kennt. Es wäre gelogen zu sagen, mir ging es gut dabei. Und ich möchte, dass ihr das wisst. Ich möchte, dass ihr Menschen, die ihr eure Befriedigung daraus zieht, andere zu beschimpfen und zu bedrohen, herabzusetzen und verbal anzugreifen, wisst, dass ihr, die ihr denkt, gar keine „Nazis“ zu sein, denen den Weg bereitet, die welche sind, indem ihr sie entschuldigt und verteidigt. Dass ihr den Hass unterstützt und befördert. Das gerade ihr es seid, vor denen es Angst zu haben gilt. Denn krasse Nazis, dieses Gedankengut, gab es schon immer, gibt es und wird es immer geben, es ist unausrottbar (obwohl ich es mir natürlich anders wünschen würde). Aber erst, wenn es stetig mehr Menschen gibt, die es entschuldigen, gewähren lassen und gutheißen, erst, wenn es Wähler gibt, die solche Aussagen mit ihrem Kreuz unterstützen, erst dann hat dieses Gedankengut eine Plattform, die groß genug ist, um nicht nur vereinzelt gefährlich zu werden. Und die ist, das könnt ihr abstreiten wie ihr wollt, die AfD. Und mir zu erklären ihr seid Mitglied, obwohl ihr schwul seid, oder Ausländer, oder im Sommer auch ganz schnell braun, zeigt nicht die Toleranz der AfD, sondern die Perfidität ihrer Methoden.

Und das letzte Wort hat Viktor Klemperer: „Und was man immer unternimmt, vom allerersten Augenblick an, ist Abwehrmaßnahme in dem einen aufgezwungenen Krieg (…) und wir, wir friedliebenden Nazis, tun nichts anderes, als was wir vorher getan haben, wir verteidigen uns.“ (Aus „LTI“).

#Wirsindhier – Gabi Edles Straßenkinder e.V. in Leipzig

#Wir sind hier – Gabi Edlers Straßenkinder e.V. in Leipzig

(c) Sophie Sumburane

Wer wie ich in Leipzig schon einmal durch die Haupteingänge des Hauptbahnhofes gegangen ist, hat sie schon gesehen, diese Gruppe Jugendlicher. Sie stehen an den Seiten der Portale, oft rauchend, sich scheinbar unbeschwert unterhaltend, eine Dose Bier in der Hand. Ihre Kleidung punkig. Die Haare bunt. Jugendliche eben, die sich absetzen wollen, das scheint ihr Äußeres zu sagen. Eine Schutzhülle ist es stattdessen, mehr nicht, denn diese Jugendlichen sind keine aufmüpfigen Rumtreiber, sondern Obdachlose.

Vor den eigenen Eltern geflohene junge Menschen.

Ihre Geschichten sind sich oft ähnlich, aber immer traurig und schockierend. Oft sind es Alkohol- und drogenabhängige Eltern, die den Blick verloren haben, für die eigenen Kinder, ihn vielleicht sogar nie hatten. In Leipzig aber gibt es mindestens eine Frau, die Augen für sie hat, ein offenes Ohr, eine warme Mahlzeit und eine liebevolle Umarmung, die auch ich treffen durfte: Gabi Edler, die pensionierte Straßenbahnfahrerin und Gründerin des „Straßenkinder e.V.“ in Leipzig.

In einem unscheinbaren Eingang in der Rosa-Luxemburg-Straße 38, schräg gegenüber der Haltestelle List-Platz, befindet sich das „Haus Tante E.“. Jeden Morgen ab 11 Uhr steht dort die Tür offen für die unverschuldet in Not geratenen jungen Menschen, die „Tante E.“ nur „ihre Kinder“ nennt. Sie kommen jeden Tag, bekommen vom Straßenkinder e.V. Team ein warmes Essen, manche schmieren sich Brote für die Schule am nächsten Tag oder den Abend. „Es gibt welche, die lassen die Brote hier und kommen dann früh vor der Schule vorbei sie abholen, weil sie Angst haben, zu Hause essen ihre Eltern sie ihnen weg.“ Unvorstellbar für alle, die ein intaktes Elternhaus hatten, traurige Realität für die, die Gabi Edlers Hilfe brauchen. Und noch lange nicht das unglaublichste, was die Rentnerin schon an Geschichten gehört hat. Von Straßenstich und Zwangsprostitution ist die Rede, wenn die Jungen und Mädchen in der Toreinfahrt neben den Vereinsräumen ihrer Tante E. in den Armen liegen. Für diese Kinder, „meine Kinder“ öffnet sie darum jeden Tag aufs Neue die Türen ihres „Haus Tante E.“.

(c) Sophie Sumburane

Hier bin nun auch ich, während sieben junge Menschen im Essensraum sitzen und sich leise unterhalten. Einen Fernseher gibt es hier, drei Computer, ein Bad und ein Wohnzimmer. An den Wänden hängen Karten und Fotos, gebastelte Plakate und Dankesbriefe. Auch Zeitungsartikel und Spendenschecks. Denn das ist der einzige Weg für den Verein sich zu finanzieren, wie Edler mir erzählt: „Alles was wir haben, haben wir gespendet bekommen. Von den vielen tollen Leipzigern.“

Und unter den Spendern finden sich zahlreiche in Leipzig ansässige Firmen und Institutionen. Aber auch Kindergartengruppen, die auf Festen Geld für den Verein sammeln. Doch diese Spendenbereitsschaft musste sich der Straßenkinder e.V. zunächst erarbeiten, das Vertrauen kommt nicht von selbst und bis zu dem Punkt, an dem Gabi Edler heute ist, war es ein langer Weg.

Schon zu DDR-Zeiten, als ich noch Straßenbahnfahrerin war, sind mir die Straßenkinder aufgefallen. Ich wollte ihnen helfen. Nach der Wende schließlich habe ich auf eigene Faust begonnen dafür zu sorgen, dass diese Kinder wenigstens ein mal am Tag ein warmes Essen bekommen.“

Seit diesem Entschluss hat es noch 13 Jahre gedauert, bis sich der Verein „Straßenkinder e.V.“ gegründet hat. Im Jahr 2003 fing Gabi Edler zusammen mit einem Team Ehrenamtlicher an, Spenden zu sammeln. Dabei ging es ihnen nicht ausschließlich um Geld, sondern viel mehr um Lebensmittel, Kleidung und Spielsachen für die Kinder und Jugendlichen. Diese wichtigen Dinge erhält der Verein inzwischen unter anderem von Leipziger Supermärkten in großem Umfang. „Wir bekommen wirklich viel, das ist großartig! Es ist sogar so viel, dass wir drei mal in der Woche verschiedene Kinderheime, offene Wohngruppen und andere bedürftige Einrichtungen damit versorgen können. Ich finde es wunderbar, wie die Leipziger den Verein unterstützen. Im Großen wie im Kleinen!“ Selbst Privatpersonen spenden Tante E. immer wieder gern und mit gutem Gewissen: „Vor Kurzem gab mir jemand in der Stadt 20 Euro, einfach so! ‚Ich kann Ihnen aber jetzt keine Quittung geben.‘, sage ich noch und er antwortet: ‚Ach Tante E., bei Ihnen weiß ich doch, wo das Geld hingeht.‘ Das ist so viel wert, dass es solche Menschen gibt!“ Solche Menschen gibt es jedoch nur, weil es Engagierte wie Gabi Edler sind, die sich das Vertrauen mit ihrem Einsatz verdient haben, denn soviel ist sicher: jeder Cent des Geldes, egal woher er kommt, kommt ausschließlich den Kindern zu Gute. Und weil die Leipziger das wissen, kann Gabi Edler noch viele weitere Spontanspenden Geschichten erzählen: „Letztens bin ich hier vor dem Haus in die Straßenbahn eingestiegen. Kaum waren die Türen geschlossen, stand ein Mann auf und rief: ‚Tante E. ist grade eingestiegen!‘ Ein anderer nahm seine Mütze ab, legte Geld rein und gab sie herum. Beim Aussteigen hatte ich plötzlich eine schöne Spende zusammen.“ Gabi Edler lächelt während sie davon erzählt. Unterbricht sich nur, um eines ihrer Kinder in ihrer speziell robusten Art zurecht zu weisen. „Die Kinder hier benehmen sich perfekt. Sagen Bitte und Danke und räumen auf. Sie kriegen hier die Struktur, die sie zu Hause nicht haben und offenbar vermissen. Manchmal kommen sie auch einfach so vorbei, um mal gedrückt zu werden.“

Die Rentnerin schüttelt immer wieder den Kopf, als könne sie es bis heute selbst noch nicht glauben. „Wie kann man da nicht helfen wollen? Nebenan ist ein Hofdurchgang. Dort kommen die Kinder hin, wenn sie einfach nur reden wollen. Erst vor ein paar Tagen war ein 14-jähriger Junge hier, er war den Tränen nahe und sagte zu mir: ‚Tante E., meine Eltern wollen von mir, dass ich auf den Strich gehe. Sie brauchen Geld.‘ Ist so etwas zu glauben? Da kann auch ich mit meinem Essen nichts dran ändern, alles was ich tun kann, ist ihm das Gefühl zu geben, jemand kümmert sich um ihn.“

Viele der Jugendlichen haben solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht. Prostitution und Kinderstrich sind den meisten wohl bekannt, Gabi Edler versucht, beim Ausstieg zu helfen und zusammen mit den Jugendlichen einen Weg in ein geregeltes Leben zu gehen.

Wichtig ist mir, dass jeder hier zur Schule geht! Ich bin stolz darauf, dass schon sehr viele meiner Kinder eine Ausbildung geschafft haben und heute Arbeit haben. Das ist für mich die beste Bestätigung meines Engagements.“

Immer, wenn ein ehemaliger Schützling das „Haus Tante E.“ besuchen kommt und aus seinem neuen Leben erzählt, schöpfen die anderen Mut daraus.

Die Freude in den Kinderaugen ist nicht mit Geld zu bezahlen. Die Dankbarkeit meiner Kinder hier im Haus ist alles, was ich zum Weitermachen brauche.“ Und die passen auf ihre Tante E. auf, wie auf eine Mutter. Irgendwo ist immer einer von ihnen und sieht sie. „Mir kann hier nichts passieren!“, sagt Gabi Edler und lacht.

(c) Sophie Sumburane

Aus: Stadtgespräche aus Leipzig. Gmeiner, Meßkirch. 2014: Lene Hoffmann und Volly Tanner.

Die Sächsische Schweiz und die AfD #fckAfD

Gedanken einer Mutter äußerlich nicht deutscher Kinder zum Ergebnis der AfD

Die Sächsische Schweiz

Dass es in Deutschland Orte gibt, an die man nicht geht, wenn man scheinbar kein Deutscher ist, dass wusste ich schon länger. Spätestens, seit damals, als ich im Pizzaladen um die Ecke arbeitete und die dortige Bäckerin rief: „Hey, guckt mal der Schwarze (sie sagte ein anderes Wort) da draußen. Holt den mal rein, ich wollte schon immer einen dressierten Affen, der mir mein Bier bringt.“ Sie fuhr am nächsten Tag in den Urlaub – in die Sächsische Schweiz. Diese Sächsische Schweiz, in der die AfD gestern 35,5% der Stimmen bekam, die, wie vielen bekannt ist, schon lange eine Hochburg der Rechten in Deutschland ist. In diese Sächsische Schweiz fuhr die Rassistin, die für ihren Spruch Gelächter bekam, zusammen mit Freunden in einem auffälligen BMW, der vor Nazi-Symbolik triefend unbehelligt vor unserer Leipziger Haustür parkte.

Die Sächsische Schweiz ist der Ort, wo ich schon damals mit meinem aus Mosambik stammenden Partner und unserer gemeinsamen Tochter wohl nicht in den Urlaub gefahren wäre. Was ich als gar nicht weiter betrauernswert empfand, dass es eben Berge gibt, die ich nur auf Fotos sehen werde. Fotos zum Beispiel von Facebook-Freunden, die romantische Bergpanorama Bilder posten und die Beflaggung an den Häusern der Dörfer unkommentiert wehen lassen. Ebenso, wie ich den Spruch der Pizzabäckerin. Was soll das schon bringen? Die sind halt dumm, lasse reden.

Das war vor fünf Jahren. Wir leben nicht mehr in Leipzig, auch, weil der latente Rassismus uns zu zermürben drohte. Weil wir es nicht mehr hören konnten, wenn Menschen im Zoo sagten: „Schau, da ist einer aus dem Affenhaus abgehauen.“ Weil wir uns nicht mehr zwei Mal überlegen wollten, ob man Abends wirklich noch mal auf die Straße will, ob man wirklich ein sprichwörtliches Fass aufmachen muss, wenn ein Kind aus dem Kindergarten das eigene Kind als „Kaka“ bezeichnet und die Mutter lacht, ob man sich wirklich ärgern will, wenn die Nachbarn tuscheln: „Seit die Schwarze hier wohnt, spielen die Kinder viel lauter.“, ob man sich wirklich als „stinkend“ bezeichnen lassen möchte.

Unter anderem all das haben wir stillschweigend hingenommen, haben unsere Sachen gepackt und sind weg aus Sachsen, wo die AfD gestern stärkste Kraft geworden ist, nach Potsdam, doch die braune Soße ist uns hinterher geflossen.

Zugegeben, es hat gedauert, aber nun gibt es auch hier Orte, an die wir nicht gehen wollen. Menschen, denen wir nicht begegnen wollen. Es gab sie schon immer, einige wenige. Kaum sichtbar, nur für die, die sich ihnen in den Weg stellen, durch Taten oder durch die äußere Erscheinung. Doch nun werden sie mehr und davor habe ich Angst.

Ich möchte meinem Kind nicht erklären müssen, warum die Leute ständig ihre Haare anfassen wollen, warum andere Kinder über sie lachen, nur weil sie da ist, warum man sie im Schwimmunterricht mehrfach fragt, ob sie wirklich schwimmen könne, bevor man sie ins Wasser lässt, warum die Menschen sie immerzu fragen, woher sie kommt.

Ich möchte nicht mit ansehen müssen, wie eine Partei die rote Linie durch ständiges Übertreten immer mehr in die Mitte schiebt, immer ein Stück weiter, immer noch ein bisschen krasser. Ich möchte nicht ertragen müssen, dass Rassismus wieder salonfähig wird.

Ich weiß, dass er es schon längst geworden ist. Ich weiß, dass man als äußerlich Deutscher davon kaum etwas spürt, den Kopf über einen Gauland schüttelt und den Fernseher abstellt, abharkt, weiter macht. Ich weiß aber auch, wozu das führt.

Damals, vor fünf Jahren, nahm ich meine Pizza-Bestellung und trug sie zum Auto, schüttelte den Kopf über den dressierten Affen und versuchte, das zu vergessen. Heute fühle ich mich, als hätte ich meine Familie verraten, weil ich nicht schon damals etwas sagte, etwas tat.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der es Orte gibt, an die ich nicht gehen darf. In der ein kleines Kind ein Aggressor ist, ein Ding, das man anfassen und bestaunen kann. Das in den Mathe-Nachhilfeunterricht für Dyskalkulieverdacht geschickt wird, in dem sich sämtliche äußerlich nicht deutsche Kinder der Klassenstufe treffen.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich auf offener Straße gefragt werde, ob sich mein Schwarzer (wieder ein anderes Wort) fröhlich das Visum ervögelt hat und nun in Saus und Braus auf Staatskosten lebt, wenn ich mit meinen Kindern ohne ihn unterwegs bin. Wenn er doch mitkommt, ist er übrigens ein arbeitsloser Schmarotzer, der unsere Deutschen Frauen stiehlt. Als ob Frauen nicht mündig wären selbst zu entscheiden, an wen sie sich binden, aber das macht ein anderes Fass auf.

Ich habe Angst vor der AfD, vor dem Menschenbild, das diese Partei schürt, vor dem Feuer, dass sie legt. Angst, weniger um meinet Willen, als für meine Kinder, die einen Hass zu spüren bekommen, den sie nicht verstehen können. Den ich nicht verstehen will.

Das vergessene Werk der Dichterin – Inge Müller: Ein Lesungsbericht

Mit Blanc14542376_1149929075083213_6091889194237751059_ohe Kommerell aus dem Schatten

Frauen verschwinden – in Küchen, Kinderzimmern und Altenpflege. Und manchmal im Schatten eines übergroßen Mannes. Unsere Gastautorin Sophie Sumburane hat Inge Müller, die „Frau von“ (Sie wissen schon) Heiner Müller entdeckt und möchte Blanche Kommerell bei ihrem unermüdlichen Engagement für die vergessenen Dichterinnen unterstützen. Deshalb darf Ihnen HERLAND heute einen Text zur Lesung im Potsdamer Viktoriagarten von Sophie Sumburane präsentieren:

Zum Artikel

Kreativwirtschaft KONKRET – Und davon kannst du leben?

14492516_882560201846141_8485834624984670277_n

Kreativwirtschaft KONKRET – Eine Veranstaltungsreihe im Rechenzentrum

Und davon kannst du leben? Der Wert der Zukunftsbranche: Eine Bestandsaufnahme der Arbeitsverhältnisse in der Kreativwirtschaft

Am 13. Oktober, 19:00 – 22:00 Uhr

Die Teilnahme ist kostenfrei. Um Anmeldung wird gebeten: kkwkonkret@rz-potsdam.de

Die Veranstaltungsreihe Kreativwirtschaft KONKRET zeigt und diskutiert die vielfältige Brandenburger Kultur- und Kreativwirtschaft. Den Auftakt bildet der Themenabend
„Und davon kannst du leben? Der Wert der Zukunftsbranche“ Jörn Morisse wird aus seinem Buch “Wovon lebst du eigentlich?” lesen. Die Talkrunde im Anschluss berichtet aus der Praxis und verhandelt den Wert der künstlerischen Produktion, die Stilisierung der Kreativwirtschaft als Zukunftsbranche und Handlungsspielräume. Gäste sind neben Jörn Morisse, Frau Dr. Seemann, Fachbereichsleiterin Kultur und Museen, Sophie Sumburane, freie Autorin und Kulturredakteurin, sowie Stefan Pietryga, bildender Künstler und Mieter im Rechenzentrum.

Mehr unter www.rz-potsdam.de.

Veranstaltungsort ist der Kosmos im Rechenzentrum, Dortustr. 46, 14467 Potsdam

Eine Veranstaltungsreihe der Stiftung SPI, gefördert mit Mitteln vom Ministerium für Wirtschaft und Energie des Landes Brandenburg, der Landeshauptstadt Potsdam und der Zukunftsagentur Brandenburg

Übersetzung: Carl Nixon „Fish ’n‘ Chip Shop Song und andere Geschichten

carl-nixon-fishn_2401Im März 2013 erschien im Hamburger Culturbooks Verlag Sophie Sumburanes erste Übersetzung! Einige der Geschichten des Neuseeländers Carl Nixon übertrug sie für den Band „Fish ’n‘ Chip Shop Song“ aus dem Englischen ins Deutsche. Weitere Übersetzerinnen waren: Kim Keller und Martina Schmid.

Über das Buch
Klarsichtig, mit einer leichten Melancholie erzählt Carl Nixon von verlorenen Söhnen und Vätern, von gefundener Liebe, die so wechselhaft ist wie das Wetter, vom Blick zurück im Angesicht des Todes. Er beschreibt Außenseiter aus der Mitte des Lebens und Emotionen, die tief unter der Oberfläche verborgen sind. Nixon trifft einen Ton, so schmerzlich und wunderbar und existentiell wie die weiten, atemberaubenden Landschaften Neuseelands. Nach drei grandiosen Romanen liegen nun endlich auch Nixons Erzählungen in deutscher Sprache vor.   (Quelle: CulturBooks)

Hier geht es zum Buch.

Digitale Originalausgabe. CulturBooks Album, März 2016. 215 Seiten. 8,99 Euro. ISBN 978-3-95988-037-4

Kurzprosa – Diskonacht

Direkt vor mir liegt eine Dose. Eine Bierdose. Hier am Straßenrand. Sie ist grün, unter dem Schriftzug zerdrückt, sodass man die Biermarke kaum mehr erkennt, doch nicht stark genug, dass sie die Form der Dose verloren hätte. Erst zerdrückt, von einer Hand, nur flüchtig, dann weggeworfen. Nun liegt sie auf einem Pflasterstein, mit der Öffnung über den Bordstein auf die Straße ragend. Ein letzter Tropfen trocknet in den Asphalt. Im Rinnstein daneben ein Schuh. Ein Sportschuh. Auf die Seite gekippt, die Sohle zu mir, eine weiße Sohle. Kaum mit Straßendreck beschmutzt, das charakteristische Profil sichtbar wie neu. Ein fast neuer Schuh und eine Dose.
Ich bleibe stehen.
Ich stelle mir vor, wie ein junger Mann mit nur einem Schuh in einer Tankstelle an der Kasse steht und eine weitere Dose kauft. Wie er in seinem Portemonnaie nach übrig gebliebenen Münzen sucht, mit vom Inhalt der ersten Dose verschleiertem Blick, während die Verkäuferin wartet und versucht, den Bierdunst nicht einzuatmen. Wie sie überlegt, warum der Typ nur einen Schuh trägt, wie ein Obdachloser sieht er gar nicht aus, mit seinem Hemd, das über der verwaschenen Hose hängt. Fabrikverwaschen mit aufgenähten Rissen, urbanschick. Ganz klar auch dabei: Ein Schlüsselbund in der Tasche, verbunden mit dem Portemonnaie in der Hand durch etwas, das
eine Fahrradkette zu sein scheint. Aber flexibler ist und wohl normalerweise an der Hose hängt?
So wie der schwankt liegt der Schuh sicher irgendwo da, wo der herkommt. Vielleicht musste er rennen, schnell raus aus der Wohnung der Geliebten, als der Mann nach Hause kam. Da bleibt so ein Schuh schnell mal liegen, denkt sie und nimmt jetzt die Münzen entgegen. Der Mann mit nur einem Schuh schwankt schon zum Ausgang, ja, er sieht zufrieden aus in seinem Biernebel, tolle Nacht gehabt, scheiß doch auf den Schuh, irgendwo kracht gerade eine Männerhand in ein Frauengesicht, weil sie den einzelnen Sportschuh im Flur
nicht erklären konnte, was kümmert es ihn. Also was kümmert es sie wo sein Schuh ist, welche Frau diesen Ausdruck auf sein Gesicht gevögelt hat, wo der hingeht, ihr doch egal, da kommt schon der nächste, den kennt sie, der will Kaffee.
Er hat aschblonde Haare, perfekter Kontrast zum rot blauen Hemd. Die Frisur, vom Gel verklebt, aus der Position gerutscht, gewollt, noir-style. Mit Bart natürlich auch und Sportschuhen. Wie der hier, im Rinnstein. Neu sieht er aus, mit der weißen Sohle. Oder frisch und gründlich geputzt, das lässt sich nicht sagen. Doch das Profil der Sohle ist nur so wenig abgetreten, also wohl doch neu. Ein Schuh, den sicher niemand verlieren wollte. Der aschblonde Besitzer hat es vielleicht noch gar nicht gemerkt, vielleicht wollte er nur die Dose wegwerfen, verlor dabei den Schuh, er war sicher betrunken. Aber er war nicht allein, da bin ich sicher.
Drei Personen gehören zu diesem Schuh und der Dose. Zwei Männer, eine Frau. Sie kommen aus irgendeinem Club. Lachen. Reden. Kennen sich erst seit eben. Diese Stadt ist voll von Clubs und Bars, vielleicht ist der, dem dieser Schuh gehört schon wieder dort, in einem der Clubs, war nur auf dem Weg von einem in den anderen, tanzt jetzt mit nur einem Schuh auf klebrigem Boden. Eine weiße Sportsocke auf einem Boden, auf den Bier geschüttet wurde. Und Schnaps und Spucke, Zigarettenasche. Es stört ihn nicht, das Mädel dort drüben sieht es nicht, sie lächeln sich an. Warum nicht auch zwei an einem Abend, denkt der Blonde mit nur einem Schuh durch seinen Nebel im Kopf, ich schaffe auch zwei in einer Nacht, obwohl schon Morgen ist, im Berghain ist das egal. Wo ist eigentlich sein Kumpel? Egal. Dieses Lächeln, der Ausschnitt, dunkel erinnert er sich an Brüste, die er erst vor Kurzem in einem anderen Ausschnitt gesehen hat.
Er schaut sie an und sieht sie schon nackt. Auf sich sitzend, die Hände seines Freundes greifen ihre Brüste von hinten. Er kann es schon fühlen, sieht sie an, wähhrend sie auf dem Bordstein balancierend lacht, die gleiche grüne Dose in der Hand.
Hundertfach passiert das jeden Samstag früh, die gehen ins Bett, er ist schon wach, man beachtet sich nicht, niemand beachtet die drei, niemand stört sich daran, dass zwei Männer die Hände auf dem Po der gleichen Frau haben. Sie genießt das Umworben werden, lässt die Berührungen zu, trinkt ihre eigene Dose leer und wirft sie weg, irgendwo dort hinten, kommt trotzdem langsam wieder runter. An der frischen Luft verliert der Alkohol seine Wirkung, wird die Erinnerung an ihre tanzenden Körper schwächer. Seine Hand auf ihrem Rücken, unter dem Shirt, sie spürt ihn ganz nah. Er drückt sich an sie, sein Körper bewegt sich mit der Musik, die Zunge in ihrem Mund wühlt, sie findet ihn geil. Lässt sich bewegen, will ihre Finger überall zur gleichen Zeit seine Haut erfühlen lassen, zwischen all den Menschen fällt das nicht auf, sie sieht nur noch ihn. Dann sind sie zu dritt, sie stimmt allem zu.
Sie sieht plötzlich klar was sie macht, mit zwei Männern aus dem Club. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung, in der Morgendämmerung und weiß, was die wollen. Sie wusste es vorhin schon, doch erst jetzt erfasst sie die Bedeutung, was sie erwarten, wollen, was sie bis eben noch wollte, vorher noch nie gewollt hat. Sie sehen sie an, noch der gleiche Blick, weitergehen. Näherkommen. Sie bleibt stehen. Geht weiter, zur Seite, zum Bordstein, weiß nicht was das soll, tut es trotzdem.
Auf dem Bordstein balancierend, kichernd stellt sie ihre Kindlichkeit zur Schau, konterkariert vom Minirock, dessen sie sich plötzlich schämt. Sie lachen kurz auf, was der Alkohol mit uns macht! Der mit den Sportschuhen reicht ihr seinen Arm, sie hakt sich ein. Wieder eingerahmt. Mit der
anderen Hand fährt sie sich durch die Haare, viel zu oft, immer wieder, dreht eine Strähne auf, lässt sie fallen, sie kann nicht aufhören. Nur noch ein paar Meter, die Wohnungstür sieht sie schon und bleibt wieder stehen, lächelt. Entzieht sich den Händen der beiden und fingert nach ihrer Tasche.

„Ich will doch keinen Dreier.“, sagt sie plötzlich. Die beiden sehen sich an, fangen an zu diskutieren, als hätten sie das erwartet, als sei es ihnen
schon oft passiert: Das letzte Mal durftest du!, ruft der eine, was kann ich für die Vorlieben der Frauen, sagt der andere. Sie denkt weiter, immer mehr klar. Nur den mit den Sportschuhen will sie, der andere soll gehen. Außerdem lässt
der Alkohol nach, ihr wird etwas schlecht durch die frische Luft, sie will nur einen, oder vielleicht doch keinen, was hat sie sich nur gedacht? Jetzt holt sie ihren Schlüssel aus der Tasche, sagt: Danke fürs nach Hause bringen, man sieht sich, tschüss, während die beiden noch streiten, jetzt stutzen sie, sehen sie an: Was?
Ja, lasst uns das mal verschieben.
Was?
Ich wohn hier. Ich geh jetzt rein. Muss schlafen, morgen aufstehen und so, bisschen schlecht ist mir auch, sagt sie. Einen Finger noch immer in den Haaren. Mit drei schnellen Schritten ist sie an der Tür. Die Müdigkeit überrollt sie jetzt fast, in ihren Ohren piept der Tinitus der House Musik. Die Augen zusammen gekniffen, drückt sie die Haustür auf, der Schlüssel fällt in ihre winzige schwarze Handtasche, ein in Riemchenhigh-heel steckender Fuß steht schon im Hausflur, als der mit den Sportschuhen ihren nackten Arm packt.
Das kannst doch jetzt nicht machen. Die Augen rot, schauen
sie sie an, viel zu besoffen für irgendwas ist der, denkt
sie und bleibt ganz ruhig. Zieht mit der freien Hand an
ihrem Rock, als könnte er länger werden, immer wieder und
hält das Lächeln aufrecht.
Genau, sagt jetzt der andere, der dunkelhaarig ist, einen drei-Tage-Bart hat und Lederjacke trägt. Es ist überhaupt das Erste, was sie ihn zu ihr sagen hört, seine Stimme ist belegt von Rauch und Suff. Er kommt einen Schritt näher, hat seine Hand jetzt wieder auf ihrem Po, sie kann seinen Atem riechen, es riecht wie vorhin an der Bar.
Kannste doch nicht bringen. Sein Blick ist fester, die Hand massiert den Stoff ihres Rocks. Hast uns hier hergelockt und lässt uns jetzt stehen? Gehts noch?Seine Hand ist schon unter dem Stoff, sie will weg, doch der mit den Sportschuhen hält sie zu fest, sie sieht jetzt ganz klar, keine Müdigkeit, Übelkeit, kein Alkohol stören ihre Gedanken, sie weiß, sie muss Angst haben. Stattdessen sagt sie: Lass mich los, du Bonzen. Sonst siehst du meinen Hintern echt nie mehr. Ich geb dir meine Nummer, okay? Für später?
Scheiß auf deine Nummer, ich will doch nicht deine Nummer!, ruft der mit den Sportschuhen jetzt, seine Hand schließt sich fester um ihren Arm. Ihr fällt auf, dass sie nicht mal ihre Namen kennt, sie will sagen: Lass mich bitte
los, Name, doch sie hat keinen Namen, das lähmt sie plötzlich. Einer drückt sie in den Hausflur, die Tür fällt zu, die morgendlichen Geräusche, ausgesperrt. Eingesperrt ist sie. Die belegte Stimme spricht: Du hast mir deinen Hintern versprochen.
Dir habe ich gar nichts versprochen.
Ich mag das, wenn die Mädels sauer werden.
Sie will rückwärts gehen, ihr Arm schmerzt in seinem festen Griff, der sie an eine der Wände drückt. Sie registriert, welche Wand, weiß genau, an welcher Stelle ihres zu Hauses sie gerade steht, ist hunderte Male hier vorbei gelaufen, unbeschwert, allein, sie kennt sich hier aus, sie ist hier
zu Hause, sie kommt weg von ihnen, denkt sie.
Seine Zunge wühlt wieder in ihrem Mund. Sie spürt jetzt, dass es ein Wühlen ist, kein Küssen. Sagt: Nein, unhörbar. Nein, verschluckt. Sie spürt, wie ihr Rock mit einem Ruck auf dem Boden landet.

Du kannst uns nicht hier her locken, und dann wegschicken. Das kannst du nicht machen, sagt jetzt der mit den Sportschuhen. Guck, was du gemacht hast. Also fass ihn auch an, na komm schon.
Sie rührt sich nicht, hält die Augen geschlossen, soll sie schreien? Sie wird schreien, jemand wird sie finden, vorbei kommen.
Später, als er die Hose wieder zu macht, lächelt er sie an.
War gut?, sagt er und greift nach ihrer Tasche. Ein Taschentuch aus ihrer Tasche wandert jetzt in die Hand des Dunkelhaarigen. Er wischt sich Spermareste vom Schwanz, lässt alles auf sie fallen: Kannste morgen deinen Mädels erzählen, sowas geiles haben die bestimmt noch nie erlebt.
Die Hose zu, es ist vorbei. Der mit den Sportschuhen bückt sich, sie streckt eine Hand nach ihm aus, er greift nach seiner Dose, die Tür geht auf. Weg. Sie rennen. Sie lachen.
Was denkt die sich denn? Sie liegt.
Er verliert in der Hast einen Schuh, schmeißt die Bierdose weg, sie sind weg.
Das Mädchen steht auf, wischt mit dem Taschentuch ohne hinzusehen irgendwas Feuchtes von den Innenseiten ihrer Schenkel und starrt auf die Stelle, an der sie eben noch lag. Diese Stelle. Hier wird sie noch weitere hunderte Male vorbei kommen, genau hier, jeden Tag. Jeden Tag treten Mieter hier hin, genau auf diese Stelle. Ich muss duschen, dringend, denkt sie und kann nicht mehr weinen.
Ach was, denke ich jetzt und betrachte die Haustür. Sowas passiert doch nicht!, sage ich vor mir her. Der Schuh und die Dose, bestimmt hat sie einfach
jemand hier verloren, auf dem getorkelten Heimweg. Dieser Jemand, der jetzt im Berghain tanzt, eine Minderjährige anlächelt und sich dunkel an Brüste erinnert, hat ganz bestimmt noch nichts gemerkt, vom Verlust seines
Sportschuhs. Ich hebe beides auf, die Dose fliegt in den Mülleimer an der Bushaltestelle, den Schuh stelle ich darauf, vielleicht kommt der zurück, dem er gehört und freut sich. Über seinen verlorenen Schuh, nach einer gelungenen Diskonacht.