Rückkehr unerwünscht

Im Jahr 2005 schrieb ich einen Artikel für die „Junge Seite“ einer Potsdamer Lokalzeitung. Na und?, werden Sie vielleicht denken, aber für mich als damals 17-Jährige war dies nicht irgendein Artikel, es war die Essenz meines Gespräches mit dem Schriftsteller, Kommunisten und KZ-Überlebenden Otto Wiesner, der außerdem mein Nachbar war.

Ich kannte den damals 94-Jährigen quasi bereits mein ganzes Leben lang, er wohnte gegenüber, war sehr klein, hatte weißes Haar und ging jeden Tag bei Wind und Wetter mit seinem großen schwarzen Hund spazieren. Ein völlig normaler Mann, meinte ich, fit für sein Alter und immer freundlich zu uns Kindern, bis ich irgendwann erfuhr, was außer freundlich, klein und alt noch für Attribute zu ihm gehörten. Otto Wiesner hat zwei KZ’s überlebt. Als politischer Gefangener ist er schon kurz nach Hitlers Machtergreifung 1934 wegen Hochverrats verurteilt und in Berlin ins Zuchthaus gekommen. Einige Jahre später von dort nach Sachsenhausen gebracht. Und weil ich damals nicht verstand, was genau das eigentlich war, Sachsenhausen, ein KZ, was es bedeutet hat, dort zu sein, weil ich nur hörte und in der Schule lernte, und schließlich, weil sich 2005 die Befreiung der Konzentrationslager zum 60. Mal jährten, wollte ich ihn fragen, meinen Nachbarn Otto Wiesner und für die Zeitung darüber schreiben, denn wer wüsste besser, was ein KZ ist, als jemand, der in einem KZ war.

Irgendwo habe ich sie noch, die Tonaufnahmen unseres Gesprächs, das wir führten, in seinem Wohnzimmer, in dem Haus schräg gegenüber von unserem. Ich erinnere mich daran, wie dieser kleine Mann in seinem Sessel saß, seinen viel zu großen schwarzen Hund streichelte und seine Bücher vor mir auf den Tisch legte und nur ausweichend auf meine Fragen nach dem Leben in Sachsenhausen reagierte. Er erzählte von
seinen Büchern, von seiner Arbeit an Potsdamer Schulen, wo er mit Schülern als Zeitzeuge sprach, er erzählte von sich als jungem Mann, als „politisch denkender und handelnder Mensch“, als Kommunist, als Feind derer, die da an die Macht gekommen waren. Er erzählte von sich am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, wo er am Ende des Krieges gewesen war, davon, dass dieser Tag für ihn als politischer Häftling kein Tag der Befreiung war, sondern ein Tag des Wechsels in amerikanische Gefangenschaft. Er erzählte davon, wie die Amerikaner schließlich glaubten, er sei sowjetischer Staatsbürger, wie er so endlich freikam und von Wien aus zurück in die Heimat reiste. Dazwischen stand nur: Ich bin in Sachsenhausen gewesen. Und in Mauthausen. In Sachsenhausen zu erst. Und dann in Mauthausen. Als bräuchte es keine weiteren Worte, um zu verstehen. Als seien diese Namen Synonyme für Grausamkeiten, dachte Wiesner nicht daran, irgendwelche Grausamkeiten bei einem anderen Namen zu nennen. Vernichtung. Folter. Erschießen. Zwangsarbeit bis zur völligen Erschöpfung. Leichenberge. All das und noch mehr steckt drin im Namen: Mauthausen. Sachsenhausen. Auschwitz.

Otto Wiesner hat über seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern Bücher geschrieben, solche, die sich an Jugendliche richten, er wollte, dass jeder erfährt
was Hass auf Menschen bedeuten kann und ich dachte in diesem Moment, dass sein viel zu großer schwarzer Hund, mit dem mein Nachbar jeden Tag spazieren ging, mehr war, als ein Hund. Er war ein Sinnbild für die Erinnerungen und Erlebnisse, die die Menschen mit sich führten, die diese Gräueltaten überlebt hatten. Ein ständiger, schwarzer, viel zu großer Begleiter, den man stets in Schach halten musste,

Mahnmal in „Station Z“, dem Krematorium.

der einem überall hin folgte. Und heute, 2020, nochmal 15 Jahre später, bin ich nicht mehr 17 und Otto Wiesner bereits seit einigen Jahren verstorben und doch denke ich noch an dieses Gespräch mit ihm. Denke darüber nach, wie es passieren konnte, dass Menschen zur Vernichtung freigegeben waren, weil sie glaubten, was sie glaubten, waren, wie sie waren. Ich habe es damals nicht verstanden, ich verstehe es bis heute nicht.

Gedenkstätte Sachsenhausen mit angedeuteten Baracken.

Heute stehe ich zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Ich stehe auf einem Flecken Erde, auf dem vielleicht auch Otto Wiesner stand, vor mehr als 75 Jahren, und blicke mich um. Was hat er damals gesehen, als er hier stand? All die Bilder im Ausstellungsraum, die ausgemergelten Körper, liefen sie um ihn herum? War er selbst nicht auch einer davon? Wurde dort vorn ein Mensch vor seinen Augen erschossen? Gerade jemand erhängt?

All das erscheint unvorstellbar. Und für Otto Wiesner wohl auch unaussprechlich. „Ich bin in Sachsenhausen gewesen“, als Synonym für all das, was nicht gesprochen werden kann, denn es gab Dinge, deren Grausamkeit durch Worte nicht ausdrückbar ist. Manchmal braucht es gar keine Worte, keine Details, um zu verstehen, manchmal reicht ein Synonym und wir wissen. Und auch meine Kinder sollen das noch wissen. Die Erhaltung der Gedenkstätten und das Fortbestehen des Erinnerns muss bleiben, die Erlebnisse, Erinnerungen und unauflöslichen Traumata von Otto Wiesner und all den anderen Menschen, dürfen nicht zum Vogelschiss erklärt werden, denn es gab nicht nur damals, sondern es gab auch danach und gibt und wird immer geben, Menschen, die andere Menschen so sehr hassen, dass so etwas möglich war. Das darf es niemals wieder werden, nie mehr dürfen Menschen, die in dieser Tradition stehen und handeln, sprechen und hassen, in diesem Land oder sonst irgendwo etwas zu sagen haben.

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