Stell dir vor, du triffst auf Menschen

Wie es beim #PenMarathon war, schrieben schon einige andere Teilnehmer*innen. Und ich schließe mich ihnen vorbehaltlos an. Auch aus einem Grund, der bisher nicht zur Sprache kam, aus Gründen, aus denen solche Gründe fast niemals zur Sprache kommen und aus dem auch ich es eigentlich nicht tun möchte.

Doch das ist gleichzeitig der Grund dafür, es zu tun und auch, weil diese Geschichte so anders ausgeht, als die meisten anderen, die so beginnen, denn sie ist erfüllt von Menschen, die ich heute Freunde nenne, was sich für mich wohl auch an diesem Punkt entschied. Denn ich habe in den vergangenen Jahren im Literaturbetrieb einmal zu oft zu Hause gesessen und mir gewünscht, ich hätte doch einfach etwas gesagt, all das nicht einfach ertragen, diesen Sprüchen zugehört, diese Dinge toleriert und beim nächsten Mal einfach gehofft, es träfe nicht mehr mich.

Also stell dir vor, du bist in einem fremden Land, eingeladen als Literatin. Und du weißt, wie wichtig dieses Ereignis für alle hier ist und du bist stolz, ein Teil sein zu dürfen und atmest kaukasische Luft in deine Lungen, füllst deinen Kopf mit Sprache, Wortfetzen und Melodien, die du nicht kennst und bist für einen kurzen Moment wirklich hier, bevor du es eigentlich wieder nicht richtig glauben kannst.

Stell dir vor, in dieser Nacht willst du irgendwann schlafen gehen, in dein Zimmer, das du dir mit jemandem teilst und spürst schon beim ersten Tritt auf die Stufen der Holztreppe jemanden hinter dir. Diesen Mann, der schon die ganze Zeit viel zu dicht neben dir saß, zu dem du freundlich sein wolltest, weil du dankbar bist, hier zu sein, weil du hörst, er sei so ein großer Poet, ein toller Literat, so ein besonderer Mann um den ein Nimbus schwebt, den du anders spürst als sie, aber vielleicht auch glaubst du das nur.

Stell dir vor, er folgt dir jetzt die Treppe hinauf zu deinem Zimmer, du kannst es spüren, hörst ihn atmen, seine Füße, die Hand auf dem Geländer sich nach vorne schieben. Und du ziehst gerade so die Tür hinter dir zu, stehst im Zimmer, ihr seid zu zweit und er klopft und sagt irgendwas, dann ist Ruhe.

Stell dir vor, ihr seht euch an, ganz sicher, es ist vorbei, er ist weg und ihr geht ins Bett, und im nächsten Moment hört ihr ein Klicken, nochmal, die Klinke, ganz sicher und ihr seht euch an. Habt es beide gehört. Kein Zweifel.

Stell dir vor, du schaust durch den Türspion in die Nacht und schaust ihn an, wie er dort steht, in seinem leuchtend türkis grünen Poloshirt in der Dunkelheit der georgischen Nacht. Und die Wut, sie steigt in dir auf, ohne dass du wüsstest woher sie kommt und du öffnest die Tür und schreist ihn an, er soll gehen, jetzt sofort, bloß hier weg auf der Stelle.

Stell dir vor, du schließt die Tür und spürst erst jetzt die Tränen in deinem Gesicht und hast erst jetzt die Bilder in deinem Kopf, die du nie mehr sehen wolltest, dieses Klicken der Klinke, das wars und du weinst und die Wut ist jetzt Angst.

Und jetzt stell dir vor, du triffst in diesem Moment auf Menschen, die Menschen sind. Und du hörst viele Worte, plötzlich bist du nicht mehr allein, du weißt nicht, wie viele hier sind, hörst Stimmen und Worte, viele, nur nicht: du reagierst doch über, hab dich nicht so, jetzt hör schon auf!, nein, von niemandem.

Doch stell dir vor, du sitzt auf dem Gemeinschaftsbalkon und kannst nicht mehr denken, nur eines: das darf niemand erfahren, ich will nichts beschädigen, diesen Preis nicht zerstören, dieses Land, die Leute die so wunderbar zu uns sind, niemanden verärgern, bloß nichts sagen, es war doch nichts, dieses mal nichts, doch alle so: du spinnst!

Und nun stell dir vor, du sitzt am Frühstückstisch, noch immer geistig weit weg und hörst plötzlich die Menschen um dich sagen: wir müssen es sagen!, und du denkst noch: nein nicht, doch schon sagen sie es und du denkst noch: jetzt werfen sie dich raus, doch niemand wirft irgendwen irgendwohin, alles was folgt ist Entsetzen. Nicht über dich, allein über ihn und da verstehst du es, es geht nicht um hier, es geht nicht um das, um den Preis, um das Land, um die Leute, das Haus, es geht nur um ihn, um sein Verhalten, seinen Übergriff, sonst nichts und du bist nicht allein.

Und dieser Bericht mag euch banal vorkommen, bis ich euch sage, er stand irgendwann in der Unterhose vor mir. Doch was ich euch eigentlich sage ist das: dies passiert immer zu, jeden Tag, irgendwo, wo irgendwer irgendwas oder wen schützen will und sich selbst dafür vergisst und nicht darüber spricht und vielleicht in einem solchen Moment doch allein ist. Das passiert in Berlin, in Köln und München, in jeder Stadt, jedem Ort. Und es wird weiter passieren, wenn du nichts sagst, oder wenn du niemanden hast, der es für dich tut, wenn du es nicht kannst. Und ich sitze seit dieser Nacht da und frage mich, warum ich nicht wütend bin auf diesen Mann, sondern nur besorgt um das Ansehen eines Preises, obwohl doch das eine mit dem anderen nichts zu tun haben kann. Und genau hier liegt der Fehler in unserem, meinem Kopf, schuld bin nicht ich, weil ich freundlich war, mich irgendwie verhalten habe, schuld ist nicht der Veranstalter, weil er ihn eingeladen hat, schuld ist schon gar nicht einer der Menschen, die mit mir dort waren, egal welche Sprache er oder sie spricht, schuld ist allein dieser Mann und niemand sonst und das ist die Wahrheit, die Georgien mir schenkte, und Freunde und alles, was

Sofie, Jana und Martin schon schrieben.

#PenMarathon

3 Gedanken zu “Stell dir vor, du triffst auf Menschen

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