„Intellektuelle“ als Negationsmittel

Liebe Frau Jana Hensel,

jüngst las ich Ihren Text „Gibt es gar nichts zu sagen?“ und frage mich, gibt es wirklich gar nichts zu recherchieren?

Sie ärgern und wundern sich, dass aus dem linken Intellektuellen-Milieu niemand, ja wirklich absolut niemand – außer Maxim Biller – aber sonst echt niemand, etwas gegen rechte Intellektuelle sagt. Alle würden hinnehmen, was in der Erklärung 2018 steht, es vielleicht sogar heimlich unterschreiben oder zumindest befürworten. Sie sagen, es gebe da draußen niemanden und Keine, die Uwe Tellkamp und Kollegen widersprechen würden, rufen nach Juli Zeh und Eva Menasse und ich frage mich, muss man bei Suhrkamp oder Luchterhand ein Buch veröffentlicht haben, um irgendwie ernst genommen zu werden?

Haben Sie gewusst, dass es eine „Antwort 2018“ gibt, gegen die Erklärung 2018, die zahlreiche Mitglieder beispielsweise des PEN Deutschland unterzeichnet haben? Haben Sie gewusst, dass es eine große Zahl an Veranstaltungen gegen rechte Propaganda und Meinungsmache auf der Leipziger Buchmesse gab, die vom Bündnis #Verlagegegenrechts organisiert worden sind und Götz Kubitschek höchstpersönlich auf den „Mimimi“-Plan gerufen haben? (Die Tagesschau hat das zumindest. Und die Kulturzeit und so. Schauen Sie nicht?) Haben Sie gemerkt, dass die rechten „Intellektuellen“ den Widerstand sehen, nur irgendwie Sie nicht?

Warum darf eigentlich nur Juli Zeh ihre Stimme erheben und in der Zeit einen Artikel schreiben um gegen rechts vorzugehen? Warum nur Ilija Trojanow? Klar, wäre es zielführend, wenn sie es täten, aber warum negieren Sie die Stimmen so vieler anderer Schriftstellerinnen und Schriftsteller, nur weil sie nicht in Ihren „Intellektuellen“-Kanon gehören?

Und überhaupt, dieser Begriff „Intellektueller“ wird derzeit so inflationär missbraucht wie nur selten zuvor. Die Rechten nutzen ihn, um die kruden Thesen ihrer Autoren zu legitimieren und nun nutzen Sie ihn, um die Gegenstimmen von Menschen zu negieren, die diesen Titel noch nicht verliehen bekommen haben. Finde ich mindestens traurig, Frau Hensel, denn wenn ich das ganz uneitel sagen darf: mein Text, meine Antwort auf den Wahlerfolg der AfD im September ging „viral“, ich hatte eine viertel Million Klicks allein auf meiner Homepage, wurde reblogged und bei VICE und Bento neu veröffentlich, wurde von der Lokalpresse und den öffentlich rechtlichen Radiosendern interviewt, war im ZDF und dem RBB, habe überall und immer und nachdrücklich laut gesagt, was ich von der AfD und den rechten Thesen halte und selbst Jan Delay hat es mitbekommen, nur Sie nicht, weil ich keine Intellektuelle per Definition bin. Schade.

Und nicht nur ich empfinde bei ihren Worten so, mir fallen da zahlreiche kluge Menschen ein, die immer und stetig laut widersprechen, wie Asal Dardan und Zoe Beck, wie Sascha Lobo und Christoph Links, wie Andreas Speit und Lisa Mangold. Alles keine Intellektuelle? Nur Verlegerinnen, Journalistinnen und Schriftstellerinnen? Reicht Ihnen nicht?

Und wo wir gerade bei Christoph Links, dem Verleger des Ch. Links Verlages sind: haben Sie mal beispielsweise deren Verlagsprogramm durchgeschaut und bemerkt, wie viele kluge Bücher dort und an anderen wichtigen Stellen in den vergangenen, sagen wir 10 Jahren zu den „Neuen Rechten“ erschienen sind? Wie analytisch und sachlich, aufklärerisch und wichtig die Arbeit dieser Autorinnen und Autoren ist?

Oder, ach: Kennen Sie Manja Präkels? Autorin des jüngst mit dem Anna Seghers Preis ausgezeichneten Buches “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß”, die das ganze literarisch angeht? Nicht gelesen? Verbrecher Verlag, sollten Sie sich vielleicht auch mal durchs Programm klicken.

Liebe Frau Hensel, wenn Sie mit ihrem Text erreichen wollten, dass Menschen, die sich täglich engagieren, von Rechten bedroht und mit Hassmails bedacht werden, weil sie laut und hörbar sind (nur für Sie halt nicht), sich über den Mund gefahren fühlen, weil all das Strampeln jeden Tag, das Aushalten von Zuschreibungen der übelsten Art ganz offensichtlich völlig umsonst ist, weil diese Menschen keine Intellektuellen sind, dann kann ich Ihnen nur gratulieren, ist Ihnen gelungen.

Wenn Sie mit ihrem Text Juli Zeh und Navid Kermani, Eva Menasse und Ilija Trojanow „wachrütteln“ wollten, dann kann ich das nur begrüßen, und stimme Ihnen zu, doch bitte: Stoßen Sie nicht diejenigen vor den Kopf, die schon lange tun, was Sie einfordern, denn wenn sich bei denen auch Resignation einstellt, weil jemand wie ich zum Beispiel das Gefühl bekommt, es hört eh niemand zu, dann weiß ich nicht, ob Sie tatsächlich das als Ziel vor Augen hatten.

Beste Grüße aus Potsdam

4 Gedanken zu “„Intellektuelle“ als Negationsmittel

  1. Juli Zeh hat sich übrigens längst geäußert – anscheinend noch Tellkamp-kompatibler als Grünbein.
    Der Artikel ist leider typisch ZEIT mittlerweile. Da sind noch einige Faktenfehler.

    » Statt Leute als rechts oder Nazis zu bezeichnen, könne man auch konservativ oder mitte-rechts sagen. „Das ist dann kein ganz so böses Etikett.“ «

    http://www.sz-online.de/nachrichten/kultur/zeh-laedt-tellkamp-zum-gespraech-3911178.html

    Auch nicht zum einzigen Mal so. Sie mag ihr Dorf, ergo sind Neonazis generell nur ein Medienphänomen (NZZ 2016).

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