Der „Aber doch nicht bei uns!“ – Reflex

Wegsehen als Nährboden rechten Gedankenguts

In einer Gesellschaft, in der jeder seines Glückes Schmied ist, jeder nur schaut, wann der nächste Urlaub naht, wie schön die Balkonpflanzen gedeihen, die neue Hose passt, das Foto auf Instagram wirkt, in solch einer Gesellschaft sehen wir nicht, wenn das Make-up zur Maske wird und die Wohnungstür zur Grenze.

Einer der häufigsten Kommentare, den ich auf meinen Text zum Alltagsrassismus erhielt, war: Das hätte ich nie gedacht! Das wusste ich nicht! Und das glaube ich gern. Denn Menschen, die von Diskriminierung egal welcher Art nicht betroffen sind, sehen sie auch nicht, weil niemand darüber spricht. Weil wir zwar hören, wie die junge Frau in der Straßenbahn mit einem sexistischen Witz bedacht wird, aber denken wollen, sie fände das lustig (oder gelernt haben, das sei lustig). Weil wir natürlich sehen, wie der Mann mit angeekeltem Gesicht auf den Gehweg spukt, als ihm ein äußerlich nicht Deutscher entgegen kommt, wir aber denken, das war nicht so gemeint. Ganz sicher kann der „Ausländer“ kein Deutsch, denken wir, wenn neben ihm lautstark gesagt wird, hier würde es stinken, seit der N* da ist, und sagen deshalb nichts. Schauen weg. Wollen nichts sehen.

Schon im Jahr 2012 verfasste Patrick Gensing sein Manifest „Terror von Rechts“, das heute kaum aktueller sein könnte, in dem er postuliert: „In einer Gesellschaft des Schweigens und Wegsehens können die Nazis sich frei und ungestört entfalten und ganze Landstriche unter ihre repressive Kontrolle bringen.“ Heute, fünf Jahre später, lese ich den Text erneut und mir laufen die Tränen, denn alles ist so wahr. „Nazis fallen nicht vom Himmel. Nazis kommen aus der Gesellschaft.“ Der Gesellschaft, in der wir uns nur um uns kümmern, nur die eigenen Nägel feilen und nicht sehen wollen, dass jeden Tag, J E D E N T A G, ein Flüchtlingsheim brennt, jeden Tag Menschen auf offener Straße beleidigt, bespuckt, gemieden oder gar bedroht werden. In der, wie der Fall Oury Jalloh beispielsweise sehr eindrücklich zeigt, rechte Täter nicht als solche erkannt oder gar geschützt werden. (Nun scheint sich im Fall des in Dessau in einer Gefängniszelle verbrannten Asylbewerbers die Annahme zu bestätigen, es handle sich um eine Vertuschungstat. Also Mord. Und es soll im Vorfeld ähnliche Morde gegeben haben. 12 Jahre sind vergangen, für eine eigentlich doch offensichtliche Erkenntnis. 12 Jahre, in denen wir alle vergessen haben.)

Und wenn dann doch jemand den Mund aufmacht, sich wehrt und sagt: Ich habe Rassismus/ Diskriminierung/ Sexismus erlebt, dann lügt er oder sie, dann lüge ich, ganz klar und soll doch am besten auswandern. Nach Kanada, so der Vorschlag eines sehr besorgten Bürgers.

Nein, danke.

Und die, die einem doch glauben, glauben zu wissen, dass das aber nicht hier passiert sein kann. Nicht in ihrem schönen Städtchen, nicht in meiner heilen Welt, hier sind wir bunt und offen und jeder hat seinen Platz.

Wie oft habe ich das in den letzten Wochen gehört, diese Frage: Aber HIER nicht, oder? Das kann nicht sein, nicht dort, wo ich netter, toleranter Mensch bin!

Oh doch. Obwohl du netter, toleranter Mensch hier bist, obwohl es hier bunt ist, gibt es Flüchtlingsfamilien, die in die urbane Peripherie ziehen, in „Brennpunkte“, weil sie auf dem Land oder im Zentrum der schönen bunten Stadt partout keinen Wohnraum erhalten. Und das reflexartige: Aber hier nicht! zeigt wunderbar nicht, wie wunderbar bunt unsere Stadt ist, sondern wie gekonnt wir leugnen was wir nicht sehen wollen.

Damals – 2012 – als die 10 Morde um das NSU Trio bekannt wurden, bei denen türkischstämmige Personen Opfer waren, die von der Polizei zu in Drogengeschäfte verwickelte Kriminelle gemacht wurden, berichtete das ZDF über Jena, die Stadt, wo die beiden Uwes mit ihrer Beate unbehelligt leben konnten. Tausende Jenaer Bürger unterschrieben eine eiligst erstellte Petition gegen diesen Beitrag, der das nette Städtchen in eine braune Ecke zu drängen versucht habe. Man solle sich bei den Jenaer Bürgern entschuldigen! Bei allen! Also auch bei den Neo-Nazis.

Wir wollen nicht sehen, was da ist, wir selbst wollen nicht mit Rassismus, Diskriminierung, Sexismus in Verbindung gebracht werden. Und wenn da einer kommt und mir sagt: in deiner Nachbarschaft, da leben Menschen die tun sowas!, dann werde ich mit meinem Wegsehen konfrontiert. Damit, dass ich mich nur um mein Bier kümmere, die Wohnungstür zu ziehe sobald ich die Ferse über die Schwelle gezogen habe und mich mehr darum kümmere, ob mein Foto auf Instagram gut kommt, als darum, was mein Umfeld eigentlich so tut und biete den Nährboden für zersetzendes Gedankengut. Für Reichsbürger, Identitäre, Höckes und Gaulands aller couleur.

Also bitte, seid gern weiter genervt, wenn ich ständig Nachrichten teile, politische DEMOKRATISCHE Parteien unterstütze und auf der Gefährlichkeit der AfD beharre. Während ihr eure Balkonpflanzen pflegt und dem nächsten Urlaub entgegen seht, sehe ich meinem Untergang entgegen. Und ich zitiere da jetzt „Martin Gerber“, der um die 20 Kommentare auf meiner Homepage hinterließ und meint ich würde: Die angebrachte Antwort auf solch ein schändliches Verhalten (…) noch früh genug [erfahren]!“ Denn ich kann „nicht fliehen und (…) stehe vor einer schweren Zeit. Dass haben Sie sich alleine und ihrem Bedürfnis, die weisse Rasse zu zerstören, zuzuschreiben. 

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