Kurzprosa aus Mosambik

Ich bin satt

Und ich weiß nicht mehr, was gestern war. Flüchtig der Moment, immer gleich die Tage, gestern ist morgen, heute jedenfalls sitze ich hier. Vor mir das städtische Leben, hinter mir Natur, Bougainvillea in unnatürlich leuchtenden Farben. Ich in der Peripherie von Beidem, gehöre weder hierhin noch dorthin. Auf den Stufen der Treppe zum Stadtpark, im Schatten einer Pappel, sitze ich, lasse mir den vom nahen Meer salzschwangeren Wind um den Körper wehen und esse Hühnchen mit Fritten und Essig. Beiläufig fast drehe und wende ich das Stück in meinem Mund. Ein Geschmack, vertraut wie der Geruch der Haare einer Mutter. Wie gestern, wie morgen. Ich nehme ihn in mir auf und schluckte, der nächste Bissen, dann bin ich satt. Vorerst, der Hunger kam wieder so sicher wie die Flut, doch die Reste aufheben? Wofür, steht dort doch direkt ein Papierkorb.

Wofür, gibt es doch an jeder Ecke eine Imbissbude, Sandwichläden, Marktfrauen mit frischem Gemüse.

Wofür den halben Tag Essen mit mir herumtragen. Schwerfällig stehe ich auf, die müden Knochen tragen mich, ich lasse die Styroporverpackung über dem Mülleimer aus Stein aus meiner Hand gleiten, höre das dumpfe Aufschlagen und tue den Schritt aus der Peripherie, zurück in die Stadt, das normale, alltägliche, immer wiederkehrende. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Mann, der nicht mehr als ein zerrissenes T-Shirt am Körper trägt, auf den Papierkorb zugehen, Müll essen, Müllesser, einer von Tausenden in Maputo, dieser Stadt am Meer, in der Träume auf Palmen wachsen, für einen allein unerreichbar hoch.

Ich jetzt, ein Teil dieser Stadt, bin ich auf die Palme gekommen? Kenne ich jemanden mit einer Leiter? Es scheint so, ich erinnere mich nicht, lebe erst seit eben, bin satt, das heißt privilegiert, nicht weil ich satt bin, sondern weil nur Privilegierte satt sind.

Die Menschen ziehen an mir vorbei, schlurfen über den Bürgersteig, manche schneller, manche langsamer, werde ich überholt oder überholte ich. Sie geht zur Arbeit, er hat Pause, das Kind ist auf dem Weg in die Schule, die Alte zum Markt. Der Bürgerkriegsveteran sitzt wie jeden Tag auf dem Bordstein, sein eines verbliebenes Bein angewinkelt vor dem Körper, vor und zurück wippend, die Hand ausgestreckt auf ein paar Münzen hoffend, die ihm doch niemand gibt. Die wenigen Touristen vielleicht, Gewissensberuhigung. Plötzlich zieht er verärgert seinen Beinstumpf weg, jemand war so an ihm vorbei gegangen, dass er ans Bein getreten wäre, wäre es noch da, der Veteran fühlt einen Phantomärger. Sorgt sich um etwas, das er vor so langer Zeit verloren hat.

Und ich mittendrin, irgendetwas daran ist falsch, ich kam nicht drauf, es war mir egal, ich bin satt und erinnere mich nicht mehr was gestern war.

Und vielleicht habe ich auch das Wichtigste auf halbem Weg verloren? Wer kann das schon wissen, ich sicher nicht. Woher soll ich wissen, was mir fehlt, wenn ich nicht weiß, was ich haben könnte? Doch hätte ich es verloren, wüsste ich um dessen Existenz, müsste es vermissen, ich vermisse nichts, habe noch beide Beine, gehe damit auf diese Palme zu in die Sonne, immer in die Sonne. Sie brennt gnadenlos auf uns alle herab. Ein Stück Hölle am Himmel. Genau das ist sie, die Sonne, die Hölle, in ihrer zerstörerischen Kraft. Nicht Gott schaut auf uns hinab, sondern der Teufel und lacht und lacht, wie wir uns abmühen, jeden Tag.

Eine verschwitzte Schulter rempelt mich an, teilnahmsloser Blick, der Hitze alle Kraft ausgeliefert, taumelt der Körper kurz, fängt sich, geht weiter, unbeachtend. Ich bleibe stehen, streiche mein Hemd glatt, ein Hemd ohne Schweißflecken ist kein mosambikanisches Hemd, es ist ein europäisches Hemd, oder ein amerikanisches, ganz gleich, wo es genäht worden ist, doch immerhin, meines war sauber und ganz. Am Straßenrand sah ich nun die Tonne, ich erinnere mich an die Tonne, den Geruch, die Tatsache, dass Menschen Essen dort hinein warfen. Ich sehe zwei Männer an der Tonne, der Eine bildet eine Trittfläche mit seinen Händen, der andere steht mit einem Fuß darin, mit dem anderen in der Tonne und sucht. Vielleicht riecht es so, wenn ein menschlicher Körper in der Sonne verwest, vielleicht sind es auch nur Möwenkadaver oder Tage alte gegrillte Hähnchen, ich beschleunige meinen Schritt. Raus aus der Wolke, weg von der Tonne.

Endlich, der Strand, die Costa del Sol, das Meer, gereinigte Luft, geruchsneutral. Ich setze mich in den Sand, vergrabe die Finger bis zur kühleren Schicht und lege den Kopf in den Nacken. Wieder zurück in der Peripherie genieße ich den Schatten der Palme hinter mir, greife immer wieder mit den Fingern den kühlen Sand und höre das Meer. Winzige windstill Wellen plätschern auf den feuchten Sand, tragen Muscheln und Steinchen mit sich, spülen ihr Hab und Gut erst hier hin, dann dort hin, ziehen es immer wieder mit sich zurück ins Meer. Ein ewiger Tanz, er schleift die Steine glatt, poliert die Muscheln, funktioniert, bis ein Mensch kommt und den Wellen ihr Hab und Gut wegsammelt. Kinder, sie schmeißen die Steine meist direkt zurück, erfreuen sich am Plumps, versuchen flach abgeschliffene Steine hopsen zu lassen, zählen mit, machen einen Wettkampf draus, erfüllen den Strand mit Sorglosgelächter und zerstören den Kreislauf nicht. Ein Mann, eine Frau, sie sammeln die Muscheln in ein buntbedrucktes Tuch, dessen Enden sie um ihre Hüften geschlungen haben, zu einem kleinen Beutel vor dem Bauch geformt, fasst so ein Tuch sehr viele Muscheln und Steinchen, entziehen sie dem Meer, beenden den Kreislauf, ich kann nicht mehr hinsehen, schließe die Augen und lege den Kopf zurück in den Nacken. Kinderlachen, leises Reden, alles eingehüllt vom melodischen Rauschen des Meeres, es schwillt an, zu einem Ruf, vielen Rufen, Motoren, Straßenlärm, Stadtlärm, wo ist das Meer?

Ich krümme die Finger, will den Sand zwischen ihnen spüren, doch schabe über Beton. Nackten Beton. Plötzlich die Wolke, ich öffne die Augen, mein Gesicht ruht auf Beton, mein Körper, Arme, Beine, ich. Füße, Beine, Menschen, die auf mich zukommen, um mich herumgehen, über mich steigen, von mir weggehen, als sei ich ein achtlos weggeworfenes Etwas. Ein verlorengegangenes Dings, an das sich der einstige Besitzer nicht mehr erinnert, das nicht fehlt, niemandem fehlt.

Beim Aufsetzen spüre ich meinen Körper, vor mir erhebt sich die Tonne, mein Mittagsschlaf unter der Pappel hatte mir den immer gleichen Traum gebracht.

Komm schon Luis, der Ruf des Mannes, den ich jetzt erkenne, der vor der Tonne steht, mit seinen Händen eine Trittfläche bildet. Sein T-Shirt weht um sein Skelett, mein T-Shirt weht um mein Skelett. Leck mich, Gustavo, antworte ich. Das Metall der Tonne brennt unter meinen Fingern, der Müll vor mir brennt seinen Geruch in meine Nase, ich stehe mit einem Fuß auf einer Ausgabe der Notícias von gestern. Genau auf dem Titelbild, das unseren Präsidenten zeigt, einen dicken Mann, auf einer teuren Chouch. In einem armen Land.

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